Zwischen den Jahren

“Zwischen den Jahren” – das ist wie das “Niemandsland” in den Bergen oben, wo ich als Kind immer wissen wollte, was das bedeutet. Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, wo man meistens weder den Wochentag mehr weiß noch wozu man eigentlich auf der Welt ist. Jedenfalls, wenn man in dieser Zeit Urlaub hat und herausfällt aus dem Getriebe, das einem sonst unumgänglich ist und zugleich aber auch wertvolle Struktur im Alltag. Dieses Jahr ist das alles noch namenloser und die Tage verschwimmen zuhause zu einem einheitlichen Gefüge. Jedenfalls bei mir, denn meine Lebensmittel reichen noch eine Weile.

Was war 2020 anders als sonst?

Okay, diese Frage brauche ich nicht beantworten, zumindest nicht generell. Das wissen wir alle und 2020 wird in die Geschichtsbücher eingehen: in welchem Sinne, das wird sich meines Erachtens erst noch herausstellen. Ich kann Euch aber verraten, was bei mir anders war als all die 19 Jahre zuvor, die ich hier in meiner Wohnung lebe, und das hat überhaupt nichts mit Mandalas oder Mustern zu tun, sondern: ich hatte endlich mal immer genug zu essen zuhause! Mein schöner neuer Retro-Kühlschrank, den ich mir im Januar nach dem Kurzschluss geleistet hatte, und von dem ich dachte, der sei eigentlich viel zu groß für mich, war 2020 mein durchgehendes Highlight. In meiner Wohnung war früher eigentlich nie irgendwelcher Vorrat oder großartig was zum Kochen zuhause. Mal aß ich da, mal aß ich dort und für mich selbst habe ich meist ja doch nicht wirklich gekocht. Aber dank dieser ganzen Sache dieses Jahr kaufte ich ab Mitte März immer ein und hatte immer was zu essen zuhause. Und das ist so schön! Da habe ich erst bemerkt, wie gut mir das tut, wenn immer was zu essen im Haus ist und ich für mich sorge. Ich genieße das sehr.

Einen Weihnachtsbaum gibt es dieses Jahr bei mir keinen, aber ich besuchte die Eltern in meinem neuen Kleid.

“Back to the roots”

Was ich hier schon öfter erwähnte in den letzten Blogposts, ist, dass ich 2020 wieder mehr zu meiner introvertierten Seite zurückgefunden habe. Einerseits zwangsläufig, aber andererseits auch, weil ich es müde war, wie ich die letzten Jahre gelebt hatte. Für mich ist es im Grunde kräftezehrend, wenn ich viel im Außen lebe. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die dadurch Energie tanken, sondern zu denen, die dadurch Energie verlieren und abgeben. Und so tut es mir gut, aus dieser mir selbst angelernten Wuselei wieder auszusteigen. Das einzige, was mir wirklich abgeht, sind die wöchentlichen Treffen mit der Band. Ich glaube allerdings, wenn es jetzt noch eine Weile so weitergeht, werde ich mich schon auch darauf freuen, wieder mehr unternehmen zu können. Aber für mich persönlich ist es momentan kein schlimmer Verzicht, dass man kaum etwas außerhalb der Wohnung unternehmen kann. Tja, Introvertierte müssen ja auch mal einen Vorteil in dieser Gesellschaft haben, nicht wahr?

Träume wurden Wirklichkeit

Was ich 2020 in meinen vier Wänden allerdings konsequent verfolgte – dem Internet sei Dank! -, sind meine Projekte aus meinem Stoffdesign. Und das werde ich morgen Abend auch nochmal ganz bewusst mit einem extra Glas Sekt feiern. Darüber freue ich mich einfach wahnsinnig. Manchmal kommt mir der Gedanke, dass mich das als Kind unheimlich stolz und glücklich gemacht hätte zu wissen, dass ich, wenn ich groß bin, Kleider aus eigenem Stoffdesign tragen werde. Das hätte mir gefallen! Und wie! Und es gefällt mir auch jetzt! Und ich will das nicht klein reden und ich will mit dieser “Kleinrednerei” 2021 überhaupt komplett aufhören.

Und die Vorsätze fürs neue Jahr?

Ja, also einen habe ich gerade genannt: Ich möchte zukünftig ohne falsche, anerzogene Bescheidenheit stolz darauf sein, wenn mir etwas gelingt, wenn ich für mich selbst einen Erfolg verzeichne. Ich möchte überhaupt mehr Achtung mir gegenüber an den Tag legen und (wieder) positiver sein, was meinen Lebensweg betrifft. Vielleicht ist für mich persönlich 2020 auch das Jahr, in dem ich endgültig beerdigt habe, was nicht mehr zur Debatte steht in meinem Leben. Und genau das eröffnet mir aber auch ein großes, freies Feld, mich anderweitig zu verwirklichen und die Zeit zu nutzen, die ich noch habe. Wer weiß schon, wie lange das noch ist? Meine Tante hatte zu diesem Zeitpunkt noch sieben Jahre. Und ich habe mir geschworen, dass ich es ihr quasi schuldig bin, mein Leben zu leben und nicht in Situationen auszuharren, nur um dadurch etwas in der Zukunft zu “sichern”. Denn manchmal gibt es diese Zukunft nicht mehr.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen, liebe Blogleserinnen und -leser, eine schöne Silvesternacht
und einen guten Start in ein gesundes, liebevolles und erfolgreiches neues Jahr 2021!