Zufälliges, sinnloses Leben?

Ich denke mir: Würden wir nicht alle von Zeit zu Zeit das Leben als sinnlos empfinden und uns fragen, wozu und weshalb wir überhaupt jeden Tag aufstehen und tun, was wir tun, dann würden wir uns vermutlich gar nie die Frage stellen, ob dies Leben zufällig so entstanden ist oder es einen Plan, einen Sinn dahinter gibt. Religionen sind ja letztendlich nichts anderes als der Versuch, dem Sinnlosigkeitsgefühl und der Orientierungslosigkeit im eigenen Leben einen Anker zu setzen. Wer sein Leben einer bestimmten Religion unterstellt, bekommt im Gegenzug einen Fahrplan, an den er sich halten kann und eine Struktur, die ihm das Gefühl gibt, es hat alles seine Richtigkeit.

Religionsresistenz

Manchmal bedaure ich, dass ich religionsresistent bin. Manchmal wäre mir lieber, ich könnte im Sinne einer Religion etwas Vorgegebenes glauben und anhand dieser Struktur leben. Manchmal. Schlussendlich bin ich aber froh, dass ich immun bin und mich nur eines leitet: meine Suche nach dem Sinn aufgrund meiner eigenen Erfahrungen, die mich wie Leuchttürme durchs Leben begleiten. Zum Glück bin ich nicht bereit, meine eigene Wahrnehmung und mein eigenes Denken abzugeben.

Statistik versus Intelligenz

Momentan lese ich das Buch “Die verborgene Intelligenz im Universum” von Bernard Haisch. Obwohl ich manches von dem, was Bernard Haisch schreibt bzw. was er sich so denkt, sehr eigenartig finde und nicht zustimmen kann (insbesondere Vorstellungen zur Reinkarnation), muss ich doch zugeben, dass insgesamt mein Denken in dieselbe Richtung geht. Er stellt dar, dass es wissenschaftlich nicht zu entscheiden ist, ob unsere Welt rein statistisch Leben ermöglicht – also letztendlich sinnlos ist – oder ob es Leben deshalb gibt, weil eine verborgene Intelligenz, die er durchaus Gott nennt, unsere Grundbedingungen und Entfaltung (Evolution) möglich macht – und Leben somit sinnhaft ist.

Erfahrung als wichtigstes Kriterium

Bernard Haisch räumt mystischen Erfahrungen, die es weltweit, räumlich und zeitlich unabhängig voneinander gibt, größere Priorität ein als nicht beweisbaren, theoretischen Paralleluniversen, die statistisch eine Welt wie unsere erst möglich machen. Zwar sagt er ausdrücklich, dass wir beides im wissenschaftlichen Sinne weder beweisen noch widerlegen können, dass wir menschliche Erfahrungen aber nicht als unbedeutend, weil subjektiv abtun können. Sogar räumt er ein, dass gerade eine besonders hoch ausgeprägte Intellektualität, wie sie zwangsläufig unter Wissenschaftlern zu finden ist, solche Erfahrungen eher unwahrscheinlich macht. Sich selbst schließt er hier mit ein, bringt aber in dem britischen Astrophysiker Arthur Stanley Eddington ein Beispiel für einen Wissenschaftler, der sich sowohl in der Wissenschaft als in der Spiritualität “als Sucher sah, der von einem `Inneren Licht´ geführt wird” (S. 109). Ich bin ja ohnehin der Ansicht, dass gerade bei (Natur)Wissenschaftlern viel zu wenig berücksichtigt wird, wie sehr ihre Forschungsergebnisse teilweise auch vom eigenen mystischen, spirituellen Erleben geprägt sind. Das ist etwas, was in unserer rationalen Wissenschaftswelt gerne verdrängt wird (siehe auch “Tag- und Nachtseite” vom 2.8.2017).

Quelle für mystische Erfahrungen

Als Quelle für mystische Erfahrungen nennt Haisch Aldous Huxleys “Philosophia perennis”. Dieses Buch ist in meiner Bibliothek schon lange vorhanden und die jetzige Lektüre der Anstoß, es wieder zur Hand zu nehmen. Was ich nicht wusste: Der Ausdruck Philosophia perennis stammt von einem Bischof, der 1540 in einem Buch zu zeigen versuchte, “dass viele Ideen, die die Weisen und Philosophen der Antike dargelegt hatten, im Einklang mit der katholischen Lehre stehen” (S. 98). Es gibt auch im kirchlichen Umfeld genügend Denker, die wie ich das ursprünglich verbindende Eine aller gehaltvollen Philosophien und Religionen wittern und aufspüren wollen; und letztendlich dieses als Gott definieren und einzig anerkennen. Hier, in dieser Gesellschaft fühle ich mich dann auch am wohlsten: unter den Suchenden.

So werde ich im Garten meiner Schwester am Wochenende das Buch gemütlich zu Ende lesen und wahrscheinlich auch gleich Huxley mitnehmen. Ich nehme aber an, dass ich dann doch nicht soviel lesen werde, wie ich es jetzt gerade meine…