Vom Wachsen der Erkenntnisse und Schneeflocken

Im zuletzt erwähnten Buch Es werde Licht bin ich auf einen interessanten Lesehinweis gestoßen: Christine Mann, die Tochter Werner Heisenbergs erwähnt in ihrem Buch zusammen mit Frido Mann einen Essay ihres Vaters mit dem Titel Ordnung der Wirklichkeit. Diesen Essay beendete Heisenberg 1942 und gab ihn Freunden zum Lesen. Damals hätte dieser Text nicht veröffentlicht werden können.

Gedankenschatz

Da ich von Werner Heisenbergs Texten bisher immer sehr angetan war, habe ich mir dies kleine Büchlein antiquarisch gleich besorgt. Und ich muss sagen, dass ich diesem Text viel mehr abgewinnen kann, ihn ergiebiger und eindrucksvoller finde als die Überlegungen seiner Tochter und seines Schwiegersohns. Heisenbergs Gedankengänge sind zwar m. E. schwerer zu verstehen, aber dafür auch tiefer und reicher. Was die späteren Autoren (nach meinem Verständnis) mit nur quantenphysikalischen Erkenntnissen erklären wollen, ist für Heisenberg selbst zu kurz gedacht. Er schließt sich der These seines Physikerkollegen Niels Bohr an, von dem er – zur Freude Wolfgang Paulis – das philosophische Denken mit in sein rein formales Denken aufgenommen hat.

Unsere Erkenntnisse wachsen mit den Erkenntnissen

Diese These geht davon aus, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt Leben an sich nicht verstehen und erklären können, weil sich Leben (Biologie) zur Quantenphysik verhält wie die Quantenphysik zur klassischen Physik. D.h. uns fehlt auf unserem Erkenntnisstand eine weitere Stufe, auf der wir noch (lange) nicht angekommen sind. In meinem Kopf entsteht bei Heisenbergs Ausführungen das Bild eines Höherschreitens auf dem Erkenntnispfad in “wachsenden Ringen”. Das dockt insofern mit Wohlgefallen an meine Intuition an, dass Mandalas Symbole der Wirklichkeit sind und ebenfalls von innen heraus nach außen hin immer weiter anwachsen. Sie erzeugen immer komplexere Strukturen und Muster, die erst erkennbar werden, wenn man sich sozusagen bereits auf einem “höheren” oder “weiteren” Ring befindet. Von innen heraus kann man nur ahnend, intuitiv erfassen, was wachsend noch entstehen wird, weil bereits das Vorhergehende immer schon Teil ist vom Ganzen, das noch entstehen wird, aber noch nicht ist.

Manche Bücher muss man öfter lesen

Eines steht fest: Dieses Buchjuwel werde ich wohl noch öfter lesen, weil ich gar nicht in der Lage bin, den Inhalt auf einmal wirklich zu fassen. Aber ich vermute, dass sich das Schemenhafte, das ich jetzt nur dunkel vor dunklem Hintergrund erkennen kann, im Laufe meines Lebens noch deutlicher zeigen wird, selbst wenn ich vieles nie verstehen werde.

Und immer verbindet sich, was mich fasziniert

Eine für mich ganz besonders schöne Passage sind Heisenbergs Anmerkungen zur Entstehung von Kristallen, insbesondere Schneekristallen. Ich liebe Kristalle und Schneeflocken und fühle mich deshalb tief erfreut, wenn ich lese: “[…] sondern auch die spezielle Art der Ordnung, die Symmetrien, die Struktur des Kristalls kann aus den atomaren Gesetzen abgeleitet werden. Aber die besondere äußere Form des einzelnen Kristalls bleibt nach den uns bekannten Gesetzen dem Spiel des Zufalls überlassen […]. Die Symmetrie des Kristalls” wird immer die gleiche sein, “wenn keine äußeren Störungen auftreten”. Aber die besondere Form “entwirft der Zufall; die unendlich vielfachen Muster der Sternchen und Plättchen, die uns ebenso kunstvoll dünken wie die Bilderfolge eines Kaleidoskops” (S. 94 u. 95). Bis auf die Tatsache, dass Schneeflocken sechseckige Symmetrien aufweisen, trifft das im Grunde genau auf meine freihand und spontan gezeichneten Mandalas zu. Diese Fähigkeit, gleich der Natur einzigartige Mandalas aus dem Nichts entstehen zu lassen, macht mich immer wieder glücklich!

Meine Empfehlung zum heutigen Blogpost:

“Ordnung der Wirklichkeit” von Werner Heisenberg

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