Verwandlungskünstler

Wenn ich meine Mandalas manchmal so durchsehe – die Originale, in den digitalen Bildern fehlt ihnen leider ihr besonderes Charisma -, dann wünschte ich, ich wäre wie sie so ein Verwandlungskünstler. Im Grunde alle Eines erscheinen sie jedes Mal, je nach Qualität des Augenblicks völlig anders. Das mag ich so an ihnen: auf dem Papier sind unendliche Erscheinungen möglich, ohne dass irgendetwas dafür vergehen müsste. Was man bei meinen Mandalas eigentlich mitdenken muss – um sie ein bisschen mehr mit meinen Augen zu sehen und zu “lesen” -, ist, dass sie Momentaufnahmen des immer Gleichbleibenden sind, das sich ständig verwandelt.

Sinnbild für die Welt

Ich bin überzeugt, dass alles, was wir sehen und erkennen können – unsere Welt -, ein großes Ganzes ist, das wir in seiner Gesamtheit nie erfassen können und dennoch selbst mit Ausdruck dessen sind. Wir sind es aber nicht nur auf eine passive Weise, indem wir einfach geschehen, sondern uns selbst als Menschen ist die kreative Fähigkeit einbeschrieben. Wir können rückwirken auf das Erscheinungsbild des Ganzen, aber letztendlich können wir dem Ganzen nichts anhaben. Entweder wir schaffen es noch, uns ins Ganze harmonisch “einzugrooven” oder wir werden irgendwann mal als fossiler Brennstoff von einer anderen Spezies genutzt. Es liegt bei uns, das große Ganze tangiert das nicht.

Die Welt sehe ich als kreativen Prozess, in dem sich von Augenblick zu Augenblick alles wandelt. Die Veränderung wird nur in der Zeit sichtbar. Alle meine Mandalas sind Momentaufnahmen dieses Prozesses, sie sind wie mit einer Polaroid geknipst: dieser Moment kommt nie wieder. Und obwohl jeder Moment vergänglich ist, währt das Ganze doch zu jedem Zeitpunkt ohne Veränderung.

Der Anker in meinem Leben

Es mag seltsam klingen, aber dieser Gedankengang ist der Anker in meinem Leben und es ist sicherlich auch eine Form von Glauben oder Religiosität; wie immer man es nennen will. Vielleicht ist es einfach auch nur ein psychologischer Tick von mir, dass mir meine Mandalas einen Halt in dieser merkwürdigen, oft sinnlos empfundenen Welt geben. Wobei ich im Umkehrschluss dann jede Religion und auch Philosophie als psychologischen Versuch deuten würde, dieses mitunter unerträgliche Leben etwas bunter auszugestalten und einen Sinn darin zu erkennen. Darüber ließe sich wunderbar diskutieren und streiten. Wie gut, dass ich mich als Künstlerin außerhalb dieses Schlachtfelds bewege.

Ich kann jedenfalls – wann immer mir danach ist, ohne Kirche, ohne Guru – mir selbst beim Zeichnen & Malen zusehen, welche Formen und Farben sich durch meine Hände ihren Weg in die Welt bahnen.
In der Kreativität ist jeder Mensch dort, wo er herkommt; ist er das, was ihn ausmacht.