Verbindung gekappt, ein Nachtrag…

Ich muss ständig noch über Abrams Ausführungen zur Entstehung der phonetischen Schrift, d.h. des Alphabets in der Form seit der Griechen nachdenken und wie sich damit die Welt “nach innen” verlagert hat. Das ist mir eine völlig neue und äußerst interessante Sichtweise.

Atem verbindet

Am Ende seines Buches erklärt Abram nochmal ausführlich, dass die Hebräer das von ihnen erstmals eingeführte neuartige Aleph-Beth anfangs ohne Vokale schrieben und dadurch sozusagen die Verbindung zur Außenwelt bestehen blieb. Denn man konnte diese Schrift nicht lesen oder benutzen, ohne sie laut zu lesen und dadurch mit dem Atem zum Tönen zu bringen; dies brachte auch mit sich, dass der jeweilige Sprecher dem Text sozusagen eine eigene Note, vielleicht auch Interpretation, einhauchte und ihn quasi belebte wie einst der göttliche Atem Adam. Dadurch, so überlegt Abram, blieb weiterhin auch eine bewusste Verbindung zur lebendigen Außenwelt bestehen, mit der man durch die Luft, d.h. durch den Atem verbunden war, der allein die Schrift zum Klingen und Wirken bringen konnte.

Die Linie trennt sich

Er weist ausdrücklich darauf hin, dass hierdurch ein Unterschied von ursprünglich hebräisch zu griechisch-christlicher Tradition besteht, der uns bewusst sein sollte. Nach Abram passiert die Ablösung von der sinnlichen Außenwelt und die Konzentration auf die rein menschliche Welt in dem Moment, als das Alphabet durch die Griechen mit Vokalen aufgefüllt wird und dadurch ein rein innerliches Lesen möglich wird. Hier, so Abram, beginnt die Selbstbezüglichkeit des Menschen – und damit die Abstraktion von der ihn umgebenden Welt – ihren eigentlichen Lauf zu nehmen. Denn Lesen bzw. Sprache verstehen ist jetzt möglich, ohne mit dem Körper, d.h. mit dem Atem noch mit der Außenwelt verbunden zu sein; jedenfalls nicht bewusst aktiv beim Lese- und Denkvorgang.

Wir hören uns selbst im Kopf

Auch finde ich Abrams Ausführung interessant, dass wir unsere Stimme beim Lesen nach innen verlagern – was durch Einführung der Vokale erst möglich wird. Wenn wir lesen, hören wir unsere Stimme im Kopf, ohne dass noch ein sinnlicher Bezug zur Außenwelt bestünde. Damit, so Abram, setze die eigentümliche Abnabelung des Menschen von seiner Außenwelt ein – oder anders: das Vergessen, dass wir jederzeit sinnlich mit allem in Verbindung sind, was um uns ist. Vielleicht könnte man auch sagen, wir klinken uns beim Lesen aus dem Dialog mit der sinnlichen Welt um uns herum aus. Abram spricht auch davon, dass sich der Geist in unsere Köpfe verlagert hätte, wo er früher noch in der Luft verortet war, die alles mit allem verbindet und auch alle anderen Sprachen der lebendigen Welt an uns heranträgt. Diese Verbindung haben wir sozusagen gekappt. Im Folgenden geht er dann auf die Merkwürdigkeit des Vergessens der Luft in unserem Kulturkreis ein, was er besonders schön als “Verlust der unsichtbaren Fülle der Gegenwart” (Seite 261) bezeichnet. Für Abram wurde dadurch auch das gedankenlose Verschmutzen der Luft möglich, in die wir alles abladen und hinauspusten, als hätte Luft mit uns nichts zu tun.

Sinnvoll muss nicht kompliziert sein

Von David Abrams Buch werde ich noch lange zehren und ich kann es wirklich jedem empfehlen, der mehr zu diesen von mir angerissenen Gedanken erfahren will. Zu Ende des Textes auf Seite 271 gibt es noch eine Stelle, die mich auf eine gerade sehr passende Weise – auf meinem Weg – inspiriert. Denn oft geht es ja in meinen Blogposts bzw. bei meiner Suche um Sinn, wo der Sinn ist, ob etwas sinnvoll ist? Für den Ausdruck “Sinn ergeben” gibt Abram eine verblüffend einfache, aber sofort eingängige Definition: “Und »Sinn ergeben« ist hier in seiner unmittelbaren Wortbedeutung zu verstehen: Sinn ergeben heißt, die Sinne beleben.” (S. 271) Ich dachte mir, ja so einfach ist es im Grunde: Sinnvoll ist oder Sinn macht etwas dann, wenn es in uns wirklich Saiten zum Klingen bringt und uns das Geschriebene “unter die Haut geht” (womit ich wieder einmal Gerald Hüther zitiere). Denn was unsere geschriebene Sprache an sich hat, ist, dass wir Sätze, die vor hunderten von Jahren geschrieben wurden, zwar in jedem Fall lesen und aufsagen können, sie müssen für uns aber keineswegs noch lebendig sein. Sie KÖNNEN aber lebendig sein, und zwar dann, wenn sie uns berühren. Und nicht umsonst hat ein Wort wie “berühren” wieder mit unserer Sinnlichkeit zu tun.

Fazit

Für mich stellt die Lektüre dieses Textes noch einmal klarer heraus, dass wir uns weit, weit – zu weit! – von unserer sinnlichen Natur entfernt haben. Ein echter Fortschritt wäre meines Erachtens nicht das blinde Weiterlaufen auf der technologischen Schiene im Glauben, der menschliche Geist vor dem Rest der Welt, sondern eine Rückbindung alten Wissens und Einbindung des Gedankenguts indigener Völker in unsere heutigen modernen Fähigkeiten und Erkenntnisse. Ich baue fest darauf, dass es mittlerweile viele Menschen gibt, die so denken. Es mag die Minderheit seit, aber jede Mehrheit war zu Anfang eine Minderheit – bis das Spiel von Neuem beginnt.

Meine Buchempfehlung:

“Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt”
von David Abram, ThinkOya Verlag

(mit einem Vorwort einer meiner Lieblingsautoren Andreas Weber, siehe mein Blogpost vom 22. März 2016)

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