Unser Körper, das sind wir, inmitten von Leben

Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass meine letzte Buchempfehlung vom 8. November 2019 ist. Vielleicht habt Ihr Euch schon gefragt, ob ich eigentlich noch lese? Ja, na klar! So manches Buch habe ich seither unter der Rubrik “Auf der Suche” verarbeitet oder erwähnt, denn Lesen ist bei mir meistens eine Suche, das Verfolgen einer Spur, auf der ich mich bewege. Wer hier schon länger mitliest oder mich kennt, weiß, dass ich selten Unterhaltungsromane lese. Der Bedarf an Unterhaltung, Beziehungsgeschichten und Dramen ist ja durchs eigene Leben schon abgedeckt. Was muss man das noch zusätzlich lesen?

Denken verändert (sich)

Ich lese im Hintergrund immer. Und ich denke nach: über unsere Kultur, unser Denken, unsere Weltanschauung, wieso und warum der Mensch nicht klüger wird, weshalb wir so schlecht mit unserer Umwelt, unseren Mitlebewesen und uns selbst umgehen. Auf dieser Spur formt sich mein Denken die letzten Jahre immer mehr um. War ich früher sehr geistlastig und habe den Körper gemäß unserer christlichen Tradition nicht besonders in mein philosophisches Denken einbezogen, sieht das nun ganz anders aus. Ineins damit komme ich zur Erkenntnis, dass unsere europäische Kultur und damit unsere Wissenschaft aufgrund dieser Denktradition, deren Wurzeln in die griechische Antike zurückreichen, den fatalen Weg der Umweltzerstörung und -ausbeutung einschlug. Und nicht nur das, auch den Weg der Lieblosigkeit uns selbst gegenüber, die wir unser körperliches Leben letztendlich nur als Vehikel sehen. Unser Körper ist aber kein funktionstüchtiges Auto, unser Körper, das sind wir.

Die Krone der Schöpfung?

Wir sind nur, weil wir durch unseren Körper eingebunden sind in das Leben selbst. Ohne Körper hätten wir auch all die hochgepriesenen intellektuellen Erkenntnisse nicht. Geradezu irrsinnig ist es, dass wir uns anmaßen, uns aus dem restlichen Lebenszusammenhang herauszuheben und uns für etwas Besseres zu halten. Wir mögen Qualitäten und Fähigkeiten haben, die uns offensichtlich von anderen Lebewesen unterscheiden. Aber wir sollten uns davor hüten, uns als “Krone der Schöpfung” zu sehen – und weil ich es gerade so erwähne: Hier wird ja schon deutlich, wie sehr uns der Glaube in die Irre führen kann. Man kann sich gar nicht klar genug machen, dass Glaube und Wissenschaft im Grunde gar keine Gegenpole sind, sondern der jeweilige Glaube einer Gesellschaft deren Forschen, Entdecken, die Wissenschaft und insofern den Umgang mit der Mitwelt und den Ressourcen bestimmt.

Die mehr-als-menschliche Welt

In seinem Buch “Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt” beschreibt David Abram sehr lebhaft das Denken indigener Völker und ihr Einbezogensein in die Natur. Und nicht nur das, er formt heraus, dass ein entscheidender Punkt, der unsere Kultur insbesondere seit Platon von diesen Naturvölkern trennt, die Einführung des Alphabets, der phonetischen Schrift, ist. Für mich ist das gerade jetzt, wo ich zu einer Denkwende finde, ein fehlendes Puzzlestück. Abrams These und seine Beschreibung, wie sich mit dem Alphabet die gesamte Wahrnehmung der griechisch antiken und der sich anschließenden christlichen Tradition verändert hat, ist absolut nachvollziehbar. Und sie zeigt einmal mehr, wie arrogant wir Europäer uns verhalten haben und es zum Großteil immer noch tun. Wir mögen einen enormen technischen und technologischen Fortschritt erreicht haben, aber vermutlich wäre unser Planet um einiges besser im Gleichgewicht, hätte sich unsere Denkungsart nicht durchgesetzt bzw.: hätten wir sie der Welt nicht mit Gewalt aufgezwungen, sondern in Toleranz und Neugier mit anderen Völkern zusammengefunden.

Ein bisschen ein Zuhause-Gefühl

Für mich vermittelt Abrams Text auch ein bisschen ein Zuhause-Gefühl. Vielleicht gehöre ich zu denjenigen, die intuitiv noch dieses Einbezogensein ins Ganze spüren und wahrnehmen. Der überhebliche, arrogante Standpunkt gegenüber Naturvölkern – überhaupt der Natur – ist mir immer schon ein Dorn im Auge. Eigentlich fühle ich mich dieser indigenen Art der Wahrnehmung und Weltanschauung immer schon mehr verpflichtet als der, in der ich aufgewachsen bin. Wenn mich philosophische Texte ansprechen, dann im Grunde deshalb, weil sie in unserer Wahrnehmungs- und Anschauungsmethode dasselbe zu vermitteln suchen.

Spiel der Welt

Ändern lässt sich am Lauf der Dinge rückwirkend leider nichts, aber ich wünsche mir, dass ein Umbruch des Denkens und der Weltanschauung stattfinden wird. Dass wir endlich begreifen, dass der Mensch nicht das Recht hat, seine Umwelt auszubeuten und sich über die Natur zu setzen. Dass er sich selbst damit nur immer tiefere Wunden schlägt bis er vernichtet wird von genau dem, das er nicht geachtet hat in seinem Hochmut: vom Leben selbst. Wie lächerlich der Mensch sich ausnimmt, wenn es um nur ein einziges Virus geht, das ist ja jetzt allerorten zu beobachten. Wir sollten nicht ständig im Kampf gegen das Leben leben, sondern endlich wieder einsehen, dass wir Teil eines großen lebendigen Ganzen sind, mit dem wir zu jeder Zeit mit all unseren Sinnen verbunden sind und dem wir nicht entrinnen können. Und wieso auch? Wenn wir respekt- und liebevoll mit uns und dem Ganzen umgehen, wieso sollten wir nicht in Gelassenheit immer wieder eingehen in den großen Kreislauf? Kränkt es uns wirklich so sehr, nur ein Teil des Ganzen und sterblich zu sein? Ist es nicht eigentlich eine wunderbare Seinsweise, bewusst in diesem Entstehen und Vergehen mitzumischen und Einfluss zu nehmen, wie sich das Ganze je aufs Neue zeigen wird? Könnte es nicht geradezu ein Freudenfest sein, kreativ im Spiel der Welt mitzuwirken? Wieder offen zu sein für die wunderbare Welt um uns herum? Auch wenn wir stets mit dem Risiko leben, sie nicht zu überleben? Vielleicht auch gerade deshalb?

Meine Buchempfehlung:

“Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt”
von David Abram, ThinkOya Verlag

(mit einem Vorwort einer meiner Lieblingsautoren Andreas Weber, siehe mein Blogpost vom 22. März 2016)

Hinweis:
Die Bücher empfehle ich von ♥Herzen♥
und setze die Links nur zur Info für Euch.
Ich bekomme dafür kein Geld.