Raus aus der eigenen Stadt

Es hat gut getan, mal wieder aus der eigenen Stadt herauszukommen. Eine Woche Italien, Sommer pur, mit lieben Menschen an einem wundervollen Ort in der Toskana, den ich 2015 zum ersten Mal entdecken durfte. Es blieb aber auch noch etwas Zeit, um Volterra, San Gimignano und Siena zu besuchen.

Ausflug ins Mittelalter

Besonders beeindruckt hat mich der Ausflug nach San Gimignano. Diese kleine mittelalterliche Stadt, in der architektonisch die Zeit stehen geblieben ist. Wie in Rothenburg o.d. Tauber ging es mir hier: als könne ich die Energie von damals spüren, eintauchen in eine vergangene Welt, die uns jedoch immer noch zutiefst prägt. Und immer wieder bin ich fasziniert von unserer Kultur, die ihre Energie, die Bauwerke, Errungenschaften und Erfindungen, die Kunst, aber auch die Brutalitäten und Absonderlichkeiten dem Christentum und seiner Vorgeschichte verdankt. Auf der Piazza del Duomo konnte ich nicht anders als an die vielen Hinrichtungen denken, die hier vor der Menge stattfanden. Diese Plätze, auf denen man steht und geht, die soviel erlebten und so geschichtsträchtig sind! Die Masse der bunten Touristen im Selfiemodus aber – so scheint es mir – treibt unbewusst auf diesem Boden dahin; im Glauben, dass die Welt heute ja soviel fortschrittlicher und menschlicher geworden ist. Ich teile diesen Glauben. Aber gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass heute viele Grausamkeiten nur subtiler stattfinden und wir von wahrem Menschsein weit entfernt sind. Oft bin ich sogar der tiefsten Überzeugung, dass der Mensch die dümmste Spezies auf diesem Planeten ist.

Die Frage, die mich umtreibt

Die Frage, die mich umtreibt, wenn ich eintauche ins Mittelalter, in die sich anschließende Neuzeit und damit auch in die gewachsenen und immer noch herrschenden Strukturen, ist: Wie finden wir raus aus dieser alten Hülle, die längst abzustreifen ist? Mir geht es vielleicht ähnlich wie einst Augustinus beim Beobachten antiker Mysterien- und Fruchtbarkeitskulte, die dann vom “weltverbessernden” Christentum abgelöst wurden – wobei ich mich von Augustinus´ vernichtender Intoleranz ausdrücklich distanzieren möchte. Auch jetzt ist eine Zeit des Umbruchs und der Erneuerung. Alte Strukturen sind wie klebrige Spinnennetze, die weitere Entwicklungen verhindern. Vielleicht musste damals ein Denken wie das christliche eintreten, damit der Mensch Fortschritte machen konnte. Wäre all das nicht eingetreten, wären wir nicht, wo wir heute sind. Aber all das, was die letzten 2.000 Jahre getragen hat, ist marode und einfach nicht mehr zeit- und umweltgemäß. Wir haben uns zu Tode rationalisiert und das Christentum bzw. die Weltmacht Kirche hat alles Sinnliche verteufelt und verurteilt – und sich zugleich aufgegeilt an all dem Verbotenen; wie unschwer an der Hexenthematik zu erkennen ist, die durchtränkt ist von Erotik. Lust und Schmerz sind vermutlich erst seit der katholischen Kirche so eng aneinander gekoppelt. Vieles, was wir unhinterfragt als psychologische Tatsache konstituieren, ist zu großen Teilen hausgemacht.

Wo geht es lang?

Für mich steht fest, dass das Konstrukt Christentum/Kirche einer Vergangenheit angehört, die bereits eingeläutet ist. So wie ich auf der Piazza del Duomo dessen damals lebendige Gegenwart spüren konnte, spüre ich auch die zukünftige Vergangenheit dieser Epoche. Es ist, als überlagerten sich die Zeitschichten. Aber wie geht es jetzt weiter? Wo wird uns die momentan stattfindende Digitalisierung hinführen? In eine neue Form der Sklaverei? Oder in eine hoffnungsvolle Zukunft, in der wir wieder begreifen, wie körperlich-sinnlich wir eigentlich sind und welche Qualität darin liegt? Hat der Mensch wirklich dazugelernt oder dreht er sich im Kreis, herausgefallen aus dem großen Zusammenhang?