Nicht zurück, aber auch nicht weiter wie bisher

In meinem Beitrag vom 12. April 2019 erwähnte ich das Buch von Daniel Everett, der sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas verbrachte. Er flog erstmals 1977 dorthin, um die Pirahã zu missionieren. Als Sprachwissenschaftler wollte er die Sprache der Pirahã lernen, um das Neue Testament in diese Sprache zu übersetzen und diesem Volk den christlichen Glauben nahe zu bringen. Das war jedenfalls sein Plan.

Verschiedene Pfade treffen sich

Everetts autobiographisch durchsetzter Bericht seiner Erfahrungen mit den Pirahã ist für mich gerade ein interessantes Puzzlestück zu meiner Auseinandersetzung mit dem Christentum und unserer Sinnes-/Körperfeindlichkeit – wie ich es jetzt mal nennen möchte. Außerdem fällt mir Frank Vorpahls Buch über Georg Forster und Cooks Entdeckungsreisen ein: zivilisierte Menschen treffen auf Naturvölker mit der Überzeugung, ihre fortgeschrittene Lebensart sei die zu erstrebende; ein faszinierendes Thema. Ferner ist Everetts Buch eine äußerst interessante Ergänzung zu Tom Wolfes “Das Königreich der Sprache”.

Zeitreise zu uns selbst

Beim Lesen weiß ich, dass ich freilich keinesfalls – trotz Liebe zur Natur – wie die Pirahã im Dschungel leben möchte; allen Naturgegebenheiten und Gefahren ausgesetzt, nach den unumstößlichen Regeln der Gemeinschaft lebend von Generation zu Generation; irgendwie noch nah am tierischen Dasein, aber durch und durch schon Mensch. Und ich merke, dass alleine in diesem meinem Satz ja auch schon die grundlegende Annahme steckt: wir “Zivilisierten” sind weiter und wir wollen auch nicht zurück. Das Faszinierende an Naturvölkern ist aber gerade, dass wir quasi uns selbst begegnen; als wäre die Zeit an abgelegenen Orten eingefroren und nun bekommen wir einen Blick auf den Anfang der Menschheitsgeschichte.

Fremdeinflüsse setzen Veränderung in Gang

Aus Everetts Text wird klar, dass ein Leben wie das der Pirahã deshalb so lange konsistent möglich war, weil über lange Zeiträume keinerlei Kontakt zur Außenwelt bestand. Sobald Fremdeinflüsse und andersartige Lebensweisen ins Spiel kommen, beginnt die Veränderung hin zu etwas anderem; wobei die Pirahã offensichtlich eine erstaunliche Resistenz gegen Fremdeinflüsse haben. Evolution, Fortschritt, Veränderung geschieht nur, wenn etwas passiert, das nicht in unser alt bewährtes System passt. Ob das nun immer konstruktiv und gut ist, sei dahingestellt. Es ist ja auch die große Frage, ob wir mit unserer zivilisierten Kultur wirklich das Optimum leben?

Korrektur durch Rückbesinnung

Ich würde eher sagen, wir könnten von uns selbst – vertreten durch die fremdartigen, ursprünglichen Pirahã – einiges lernen und unseren Weg wieder etwas korrigieren hin zu mehr Lebendigkeit, Lebensfreude und Zufriedenheit. Zurück können wir nicht und wollen wir auch nicht. Aber mit unserer Intelligenz und Vernunft sollte es doch möglich sein zu begreifen, dass es noch einen anderen Weg gibt als auf Teufel komm raus nach vorne in eine technisierte, digitalisierte, vom Geld regierte und am Ende vollends unmenschliche Welt. Daniel Everett jedenfalls kam zum Missionieren und ging unerwartet anders aus dieser Zeit hervor: als ein nicht religiöser Mensch und Wissenschaftler, der einen abstrakt objektiven Wahrheitsbegriff zutiefst in Frage stellt und unser Menschsein in der unmittelbaren Erfahrungswelt verortet.

“Es gibt bei den Pirahã kein Gefühl der Sünde und kein Bedürfnis, die Menschheit oder auch nur sich selbst »in Ordnung zu bringen«. Im Großen und Ganzen akzeptiert man die Dinge, wie sie sind. Vor dem Tod hat man keine Angst. Ihr Glaube ist der Glaube an sich selbst.” (Das glücklichste Volk, Daniel Everett, S. 396)

Bis auf wenige Passagen, die für Nicht-Linguisten etwas zäh zu lesen sind, ist dieses Buch sehr lesenswert:
“Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas”, Daniel Everett

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