Nestwärme

“Mangelnde Nestwärme ist in der menschlichen Zivilisation, auch und gerade in den reichen Ländern, zu einem ernsten Problem herangewachsen”, schreibt Ernst Paul Dörfler auf Seite 144 in seinem wunderbaren Buch “Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können”. Ich bin auf den Autor durch seine Buchvorstellung im Museum Mensch und Natur aufmerksam geworden, zu der ich damals auch ein paar Gedanken auf meinem Blog geschrieben hatte (Blogpost vom 1. Februar 2019).

Der Mensch ist und bleibt ein Stück weit Natur

In erster Linie erzählt Ernst Paul Dörfler wunderbar amüsant zu wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Vogelwelt. Was mir so gut gefällt: er zeigt, dass Wissenschaft auch Wissenschaft bleibt, wenn sich der seriöse Wissenschaftler Gefühl zugesteht. Ja, vielleicht, so ist auch mein Verdacht, ist das Manko der bisherigen Wissenschaft, dass sie meint, Gefühle gänzlich ausklammern zu können und uns Menschen auf unseren Intellekt zu reduzieren. Aber das fast schon Paranoide: Einerseits reduzieren wir uns gerne auf unseren Intellekt und das Geistige in uns (das angeblich in Tieren nicht wirkt), und andererseits behauptet der der Tradition verhaftete Wissenschaftler gerne, Tiere hätten – im Gegensatz zu uns! – keine Gefühle und somit brauche der Mensch sich auch nicht allzu viele Gedanken über den Umgang mit Tieren machen (man denke nur an die grauenvollen Tierversuche eines René Descartes, der den Beginn unseres rationalen Denkens einläutete). Ich stimme zu, wenn Ernst Paul Dörfler bemerkt: “Der Vergleich mag krass erscheinen, doch noch vor zwei Jahrhunderten galten weder Frauen noch Kinder als Personen, sie hatten keinerlei Rechte. Ich glaube fest daran, dass auch Tieren künftig mehr Würde und mehr Rechte zustehen werden, als es heute der Fall ist” (Seite 36).

Gefühle lenken uns vom Fortschritt ab. Wirklich?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Frauen deshalb der Verstand und somit Rechte über Jahrhunderte hinweg abgesprochen wurden, weil sie angeblich so sehr viel mehr von ihren Gefühlen geleitet werden als Männer. Mittlerweile ist es in der modernen Gesellschaft ja weitgehend gelungen, dass weder Mann noch Frau einen guten Zugang zu den eigenen Gefühlen hat. Aber die Entwicklung der modernen Welt zeigt, dass wir uns mit unserer Rationalität in eine Sackgasse manövriert haben. Es ist faszinierend, was der menschliche Verstand alles leisten kann, aber es ist auch traurig, dass er jede gesunde Dimension verliert, wenn er von seinen Gefühlen und damit dem Gesamtzusammenhang abgeschnitten ist. Das ist bei Vögeln anders. Sie hinterlassen keinen verheerenden ökologischen Fußabdruck und leiden auch nicht an Übergewicht wie mittlerweile ein Großteil der menschlichen Weltbevölkerung. Zu meinen, das liege daran, dass Vögel quasi ein ferngesteuertes, dummes Naturprogramm abspulen und rein instinktgesteuert sind – das könnte ein ziemlich dummer Irrtum des Menschen sein.

Nestwärme: Gefühl und physikalisch messbare Temperatur zugleich

“Im weiteren, übertragenen Sinne ist Nestwärme ein Gefühl. Und mit Gefühlen tun sich gerade Wissenschaftler […] sehr schwer, […], weil sie eben nicht exakt messbar sind” (Seite 142). Interessant dazu ist, dass ich erst kürzlich das Buch “Wie Berührung hilft” von Werner Bartens las und dieser in seinem Sammelsurium zum Thema Berührung u.a. ausführt, dass das Gefühl von sozialer Wärme tatsächlich gekoppelt ist mit real messbarer Wärme, z.B. unserer Finger (siehe dazu das Kapitel “Ein Lob der heißen Tasse Tee”). Ich bin der festen Überzeugung, dass wir erst einmal davon ausgehen sollten, dass wir als Menschen noch nicht viel von den großen Zusammenhängen wissen, innerhalb derer wir forschen. Unsere Einzelerkenntnisse sind fantastisch, zumal wenn ich an meine bestellte neue Brille denke, weil Lesen und fein Malen langsam zu anstrengend werden. Aber es ist wahrlich kein Grund, dass wir uns so maßlos überschätzen und so tun, als sei die Natur etwas `unter uns Stehendes´.

Vögel haben erstaunliche Fähigkeiten

Vögel brauchen jedenfalls zeit ihres Lebens keine Brille. Wanderfalken haben auf drei Kilometer ihre Beute scharf im Blick und Bienenfresser erkennen eine Biene auf 60 Meter! Außerdem ist für Vögel der ultraviolette Bereich sichtbar, womit ihnen “Informationen zugänglich sind, die uns verborgen bleiben” (Seite 42). Diese und weitere unglaublich interessante Fakten über Vögel sind in “Nestwärme” nachzulesen. Ein sehr bereicherndes Buch, das zum Nachdenken anregt. Dieses Buch sehe ich als gelungenen, warmherzigen und intelligenten Aufruf, unsere Überheblichkeit der Natur gegenüber abzulegen.

Meine Buchempfehlungen zum heutigen Blogpost:

“Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können”, Ernst Paul Dörfler
“Wie Berührung hilft”, Werner Bartens

Hinweis:
Die Bücher empfehle ich von ♥Herzen♥
und setze die Links zur Info für Euch.
Ich bekomme dafür kein Geld.