Mit den Jahren kommt man der Freiheit näher

Fragt Ihr Euch, was meine Suche nach der Freiheit macht? Bin ich noch auf der Suche oder habe ich schon aufgegeben? Nein, ich gebe in wirklich wichtigen Dingen nicht so schnell auf; da bin ich zäh. Zäh lesen sich für mich momentan allerdings auch so manche Passagen in Peter Bieris Buch “Das Handwerk der Freiheit”. Manchmal frage ich mich sogar, weshalb ich um Himmels Willen immer solche Bücher lese und ausgesprochen selten mal einen Roman zum reinen Zeitvertreib. Zeitvertreib ist aber nicht so meine Sache, ich will die Zeit ja auskosten – wo ich sie leider oft genug verschlafe oder mit Vorstellungen über Vorstellungen und Erwartungen anderer verplempere.

Unbedingte Freiheit ist sinnlos

Obwohl ich das Buch noch nicht zu Ende gelesen habe, kann ich aber wirklich schon sagen: Peter Bieri schafft es hervorragend zu zeigen, dass Freiheit mit Unbedingtheit nichts zu tun hat, ja im Gegenteil, Freiheit bedingt sein muss, damit sie einer Freiheit, wie wir sie im Sinn haben, gerecht wird und sich nicht selbst vernichtet. Bieri nimmt uns mit in seine Gedankengänge und legt meisterhaft dar, weshalb wir, gerade weil wir an unsere eigene Lebensgeschichte und Vorbedingungen gebunden sind, überhaupt frei sein können. Zu unserem Begriff von Freiheit gehört notwendig Bedingtheit.

Puzzlestücke fügen sich zusammen

Für mich fügen sich heute, gerade jetzt, wieder ein paar Puzzlestücke zusammen und das hebt meine Laune ganz ungemein. Denn plötzlich wird mir klar, dass wir Menschen erst mit den Jahren das Vermögen gewinnen, wirklich frei zu sein bzw. unsere menschliche Freiheit zu nutzen. Denn gerade die Jahre, d.h. die Lebenserfahrung, die eigene Lebensgeschichte, tragen dazu bei, dass wir diese Geschichte überblicken und anders entscheiden und handeln können. Freiheit – das ist mir seit einiger Zeit schon bewusst – hat nichts mit dem landläufigen, flapsigen Freiheitsverständnis zu tun; im Sinne von “wähle ich diesen oder jenen Beruf, kaufe ich dies oder das, heirate ich oder heirate ich nicht?”. Allerdings, und das ist das Verzwickte: von außen gesehen können wir gar nicht entscheiden, ob jemand von seiner Freiheit Gebrauch macht oder nicht. Das Entscheidende ist und bleibt, was innerlich einer Handlung voraus geht.

Die Sache mit den Prägungen

Für mich läuft gerade die Thematik “innere Bilder, Muster und Prägungen” zusammen mit der Freiheitsfrage – die aber von außen nicht zu klären ist. Ob ein Mensch sich mit einem anderen zusammentut und fortan sein Leben zu zweit verbringt, kann ein Akt der Freiheit sein, aber auch einer der Unfreiheit und des Ablebens aufgedrückter Prägungen. Es ist also verzwickt mit der Freiheit und nie ist von außen einfach zu beantworten, ob ein Mensch von seiner Freiheit Gebrauch gemacht hat oder nicht. Jedenfalls ist das meine These.

Freiheit ist zuallererst Gedankenarbeit

Klar ist für mich: Freiheit ist Arbeit. Freiheit ist Bewusstheit. Die menschliche Freiheit zu nutzen ist eine bewusste Entscheidung, verbunden mit viel Gedankenarbeit. Arbeit, die in unserer Gesellschaft im Normalfall nicht geschätzt wird und in unserem System auch überhaupt nicht gewünscht ist – da fällt mir gerade auch Reinhard Meys “Sei wachsam” ein: “Die Freiheit nutzt sich ab, wenn Du sie nicht nutzt.” Wahre Freiheit kann man daher auch nicht von außen wegsperren oder ausrotten. Viel gefährlicher ist der Freiheit die innere Gedankenlosigkeit und eine unreflektierte Lebensweise, die in rein persönlicher Bedürfnisbefriedigung hängen bleibt – oder aber auch in unhinterfragter, gesellschaftlich anerkannter Aufopferung für andere.

Gedankenarbeit braucht Zeit

In einer Welt, in der die wenigsten allerdings Zeit haben, weil ein möglichst vollgestopfter Terminkalender von besonderer Wichtigkeit zeugt, bleibt leider nicht genügend Raum für Gedankenarbeit. Auch in den vorhergehenden Generationen, die Zeitgeschehnisse der grausamsten Art miterleben mussten und dann ein Land aus Schutt und Asche neu aufbauen mussten, war weder physisch Zeit noch gedanklich Raum, diese Gedankenarbeit zu leisten. Und mit den heutigen Universitäten, die mehr und mehr zu Ausbildungsstätten für die Karriereleiter werden, dürfte auch die letzte gesellschaftliche Bastion echter Bildung – und damit Freiheit – verloren gehen. Aber wahrscheinlich waren es im Laufe der gesamten Menschheitsgeschichte immer nur einzelne, die diese Arbeit wirklich leisten konnten.