Licht durch kleine Ritzen

Zwischendurch frage ich mich immer wieder, wieso ich solche Bücher lese, die ich doch nur teilweise verstehe.

Ritzen, durch die das Verstehen scheint

Solche Texte sind wie Rollos, durch deren kleine Ritzen das Sonnenlicht scheint. Das meiste oder jedenfalls sehr vieles verstehe ich nicht, ist mir eher wie eine dunkle Masse; aber zwischendrin, da stehen sie, die Sätze, bei denen ich dann plötzlich wieder hellwach bin, weil mich ihr Leuchten anzieht und mit meinen Gedankengebäuden zusammenschmilzt. Dann weiß ich: da ist die Spur, die ich auch verfolge.

Organisches Denken

Auch wenn ich Whitehead in “Wissenschaft und moderne Welt” nicht komplett folgen kann – und ich bezweifle, dass irgendein Mensch das kann, wenn er nicht zufällig den gleichen Bildungsgrad, dasselbe Fachwissen und insgesamt die gleiche Denkungsart hat -, so ist für mich dennoch klar: Whitehead denkt alles im Zusammenhang, er denkt organisch und legt immer wieder dar, dass man Einzelnes nicht isoliert vom Ganzen betrachten kann; das ist seine Kritik an der einfachen Lokalisierung, wie er es nennt.

Struktur der Wirklichkeit

Mandalas als Struktur der Wirklichkeit gedacht verdeutlichen genau dies: kein Teil kann aus dem Gesamtzusammenhang isoliert werden, ohne dass man damit seine Einzigartigkeit oder das Ganze zerstört. Einzigartigkeit entsteht nicht dadurch, dass etwas getrennt von allem anderen steht und sich somit in seiner Besonderheit definiert, sondern gerade im Gegenteil: nur die Position innerhalb des Ganzen verleiht jedem Teil seine Einzigartigkeit und somit seinen Wert. Zugleich folgt daraus, dass alles auch immer Aspekt des Ganzen und des anderen ist. Durch Whiteheads Text wird mir auch vieles andere nochmal klarer. Er stellt sehr gut heraus, dass alle Weltanschauung Abstraktion ist. Wenn wir etwas wahrnehmen oder erkennen, liegen diesem Vorgang immer schon Einübungen in von Vorgenerationen kultivierte Abstraktionen zugrunde. Unbewusst übernehmen wir Filter, die bestimmen, was wesentlich ist und was nicht. Alles andere bleibt außen vor. Wenn wir diese übernommenen Denkvoraussetzungen nicht bewusst durchleuchten und überprüfen, läuft unser Denken in Schienen, die wir nicht mehr verlassen.

“Es gibt aber keine Schiene von Abstraktionen,
die dem Verständnis des menschlichen Lebens angemessen wäre.”
(S. 228)

Dies ist genau die Kritik an der etablierten Wissenschaft (wie auch von Rupert Sheldrake). Whitehead sieht die Aufgabe der Philosophie darin, diese eingeübten und mittlerweile nicht mehr hinterfragten Denkmuster und zugrundeliegenden Annahmen immer wieder kritisch zu prüfen. Die Gefahr ist natürlich, dass sich auch Philosophen als Kinder ihrer Zeit gerne in diesen übernommenen Anschauungen verfangen.

“Jede Philosophie bezieht ihre Farbe von der geheimen Lichtquelle eines Vorstellungshintergrundes,
der niemals ausdrücklich in ihren Gedanken auftaucht.”
(S. 18)

Erfolg hat, was einander beisteht

Ein ganz besonderer Genuss ist das letzte Kapitel von Whiteheads “Wissenschaft und moderne Welt”, in dem er seine abschließenden Gedanken formuliert, die knapp 100 Jahre später aktuell sind wie eh und je. Whitehead macht in Analogie zum Wald deutlich, dass organisches Denken das einzig Wahre sein kann, wenn wir Katastrophen vermeiden wollen.

“Erfolgreiche Organismen verändern ihre Umwelt. Diejenigen Organismen sind erfolgreich, die ihre Umgebung so verändern, dass sie einander beistehen. Dieses Gesetz ist überall in der Natur anzutreffen.”
“[…] in der Natur gedeihen die Bäume normalerweise so, dass sie sich zu einem Wald verbinden. Dabei mag jeder Baum etwas von seiner individuellen Vollkommenheit des Wachstums einbüßen, aber sie stehen einander bei, indem sie die Überlebensbedingungen wahren.”
(S. 239)

Der Mensch zieht es bisher vor, sich vollends mit all seinen Möglichkeiten auszubilden und dabei seine Umwelt, d.h. seine Lebensgrundlage zu zerstören. Sind wir wirklich die kluge Spezies, für die wir uns halten?

Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf:
“Wissenschaft und moderne Welt”, Alfred North Whitehead, Suhrkamp