Kunst für die, die keine Lobby haben

Menschen wie ich haben keine Lobby und Insekten haben keine Lobby – insofern passen wir gut zusammen. Wie ich darauf komme? Durch einen Beitrag im neuen AVISO, dem Magazin für Kunst und Wissenschaft, herausgegeben vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.

Statements zum Artensterben

In der neuen Ausgabe (02/19) äußern sich sechs WissenschaftlerInnen zum Thema Artensterben. Der erste Satz im ersten Statement lautet: Insekten haben keine Lobby. Was im Grunde reine menschliche Idiotie ist, wird der restlichen lebendigen Welt leider mehr und mehr zum Verhängnis. Mein Faible für Käfer und Schmetterlinge habe ich nicht nur aus ästhetisch kreativen Gründen, sondern auch, weil mich dies kleine, in seiner Funktion und Verwandlungsfähigkeit perfekte Leben immer schon fasziniert.

Und wer jemals einen Käfer – einen etwas größeren, z.B. einen Mai-, Juni- oder Rosenkäfer – auf der Hand hatte, beobachten und auch auf der Haut spüren konnte, wie er in der Wärme der Hand langsam beweglich wird, vorsichtig herumschaut, sich seine Fühler putzt, um dann seinen massiven Körper brummend in die Lüfte zu erheben, der kann fühlen, dass in ihm dasselbe Lebensprinzip – sollte ich sagen derselbe Geist? – am Werk ist wie auch in uns.

Entfremdung von sich und der Welt

Wer dies nicht (mehr) fühlen kann, der tut mir leid. Dieses Nicht-fühlen-Können des in uns allen wirkenden Lebens, das uns vereint und uns als vernunftbegabte Menschen verpflichtet, mit uns und unserer Lebenswelt gut umzugehen, ist wohl mit der Grund, weshalb wir es bald bitter spüren werden, dass der schlechte Umgang mit unserer Umwelt immer auch ein schlechter Umgang mit uns selbst ist. Da nützen uns der ganze Verstand und all unser Fortschritt nichts, wenn wir nicht im Gesamtzusammenhang denken bzw. fühlen, sondern stattdessen in unserer Vereinzelung bleiben und uns höherstehend als die restliche Lebenswelt einschätzen.

Kultur und Ethik

Eine Persönlichkeit, die ich ganz oft bei diesen Themen im Kopf habe, ist Albert Schweitzer. Er ist für mich eine jener Persönlichkeiten, die ich als stellvertretend für die positive Erscheinung des Christentums sehe, obwohl ich selbst mich von dieser – wie auch jeder anderen – Religion distanziere und gerade in unserer religiösen, kirchlich monotheistischen Prägung die Problematik der zerstörerischen Entfremdung sehe (dazu bald mehr in einem weiteren Blogpost, da mich dieser Themenkomplex sehr bewegt).

Die abhanden gekommene Ehrfurcht vor dem Leben

Albert Schweitzer schreibt in seinem Buch Kultur und Ethik (Sonderausgabe 1960 im C.H. Beck Verlag) auf Seite 331: “Wahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgend etwas Lebendigem Schaden zu tun. Er fragt nicht, inwiefern dieses oder jenes Leben als wertvoll Anteilnahme verdient, und auch nicht, ob und inwieweit es noch empfindungsfähig ist. Das Leben als solches ist ihm heilig. Er reißt kein Blatt vom Baume ab, bricht keine Blume und hat acht, dass er kein Insekt zertritt.” Und etwas weiter auf Seite 332: “Es kommt aber die Zeit, wo man staunen wird, daß die Menschheit so lange brauchte, um gedankenlose Schädigung von Leben als mit Ethik unvereinbar einzusehen. Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt.”

Ferner prägte Schweitzer den Begriff “Ehrfurcht vor dem Leben”, den ich ungemein treffend finde und genau diese Ehrfurcht vor dem Leben ist uns wohl großflächig abhanden gekommen – wie sonst könnten wir uns den Zustand unseres Planeten erklären? Versunken im Technik- und Plastik-Schrott in einer Welt des vorgegaukelten Scheins und sinnlosen Konsums, ohne Gnade für diejenigen, die unter unwürdigen Bedingungen für die Reichen der Welt produzieren – vom Umgang mit unseren tierischen Mitlebewesen ganz zu schweigen. Was fehlt, ist das Gespür, das Gefühl für das, was uns alle vereint und uns überhaupt sein lässt: das Leben selbst.

Das Wunder, das wir täglich übersehen

Wir forschen und durchdringen alles mikroskopisch, ja gar nanoskopisch, aber sehen das tägliche Wunder vor unseren Augen nicht mehr: z.B. unsere Hände, hervorragend konstruiert; unsere Stimme, einmalig und voll von Information auf allen Ebenen; unsere Haut, die als größtes Organ unseren ganzen Körper überzieht und uns mit uns und der Welt in Verbindung bringt. Alles unübertroffen, nicht nachbaubar – genauso wie jedes andere Lebewesen und auch jedes noch so winzige Insekt. Um unsere menschliche Dummheit noch zu unterstreichen, die wir als höchste Intelligenz ansehen, hole ich mir noch weitere Unterstützung:

“Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten.
Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.”
Arthur Schopenhauer

Momentan ist die neue AVISO-Ausgabe noch nicht online abrufbar, aber wer Interesse hat und später noch die Statements zum Artensterben in Ausgabe 02/19, LandLeben, nachlesen möchte, findet hier den Link:
Magazin AVISO, Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst in Bayern