Hausberg versus Gletscherspalte

Auf meinem Weg die letzten Jahre wurde mir unter anderem durch Gerald Hüther, aber auch viele andere Denker und Autoren bewusst, dass wir vor allem durch übernommene Glaubenssätze und Bilder geprägt und gesteuert sind. Zugleich habe ich erkannt, dass es zwei Wege gibt im Leben: der eine besteht darin, mit diesen Glaubenssätzen und Bildern halt so zu leben und da auch nichts zu hinterfragen (außer vielleicht vorübergehend in der Pubertät, wenn kostenlose Logis und Grundversorgung garantiert sind). Das funktioniert bei sehr vielen. Und ich würde sagen, solange durch äußere Erschütterungen kein Umdenken stattfinden muss, funktioniert das auch bei den meisten ein Leben lang ganz gut.

Der andere Weg

Der andere Weg ist, dass man beginnt, diese Glaubenssätze und Bilder zu hinterfragen. Manchmal tut man das auch ohne zwingende oder gewaltsame äußere Umstände. Da ist es eine Art innerer Leidensdruck, der einen immerzu spüren lässt, dass da irgendwas faul ist und man nicht wirklich lebt; dass alles nur ein blasser Abguss ist von irgendetwas, das andere geformt und für sich selbst anscheinend stimmig befunden haben. So ist es bei mir. Solange dieses Gefühl aber mit keinen anderen Bildern und Verhaltensweisen zusammentrifft, bleibt es stecken und weiß nicht so recht, wohin.

Ausschlaggebender Impuls von außen

Wie Gerald Hüther in seinen Büchern so eindringlich und gut beschreibt, kann Veränderung nur stattfinden, wenn wir mit Ansichten und Verhaltensweisen konfrontiert werden, die gerade nicht in unsere erlernten Bilder passen. Dann sind wir irritiert und unser Gehirn bekommt die Arbeit, die es eigentlich braucht, um zur Hochform aufzulaufen und seine innovativen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Der erste Impuls ist meistens eine Abneigung gegen das Neue, das so ungewohnt ist. Aber wenn es einem “unter die Haut geht”, wie Gerald Hüther immer so schön sagt, dann wird es auch eine Anziehung haben; dann wird ein neuer Weg beginnen, neue Bilder und Lebenswelten werden sich formen. Jedenfalls dann, wenn man die Anstrengungen und den damit verbundenen Energieaufwand auf sich nimmt.

Stoff unzähliger Romane

Ich denke mir gerade, das ist im Grunde der Stoff unzähliger Romane: Familien, aus denen sich plötzlich ein Familienmitglied löst und die übernommenen Bilder und Glaubenssätze in Frage stellt, weil es durch einen Menschen mit einer anderen Art zu leben konfrontiert wird. Trotz des Zwiespalts und dem Hin- und Hergerissensein zwischen Solidarität mit der Herkunftsfamilie und ihren eingeübten Mustern wählt die oder der Romanheld/in die andere Lebensart. Nun ist der Ball zur Herkunftsfamilie gespielt und diese muss entscheiden, ob ihre Strukturen wandlungsfähig sind oder so starr, dass die Verbindung zerbricht.

Es ist nicht nur Romanstoff, sondern das, woraus Weltgeschichte geschrieben ist. Immer ist die Frage: Sind Menschen, Kulturen, Völker und Gesellschaften noch wandlungsfähig oder sind sie so starr, dass sie zuerst komplett zerbrechen müssen, bevor Neues entstehen kann? Wahrscheinlich gilt es sogar für die komplette Evolution.

Nur, was sich sofort gut anfühlt?

Aufgrund all dieser Überlegungen und eigener Erfahrungen ist für mich mittlerweile klar, dass Sätze wie “trenne dich von allem, was sich nicht gleich gut anfühlt” oder “umgebe dich nur mit Menschen, die zu dir passen” selbst schon ein sich hartnäckig haltendes Bild enthalten. Man kann das natürlich so machen, aber die Wahrscheinlichkeit etwas Neues im Leben zu erfahren, geht dann zunehmend gegen Null. Das Irrwitzige in meinen Augen an der ganzen Sache: Auf der einen Seite leben wir einen Kult des “Komfortzonenverlassens”, auf der anderen Seite wird einem geraten, Beziehungen, die sich nicht komfortabel, sondern anstrengend anfühlen, sofort zu beenden. Man soll zwar nicht dauernd nur auf den Hausberg wandern, sondern unbedingt auch mal todbringende Gletscherspalten im Himalaya-Gebirge überqueren, aber man umgebe sich bitte nur mit Partnern, die sich wie der Hausberg anfühlen; alles andere wäre zu anstrengend und der Mühe nicht wert.

Weniger neu, sondern lebendig

Ich glaube aber, dass es gar nicht mal so sehr um etwas “Neues” geht – wie ich es bisher selbst in diesem Text formulierte -, sondern es geht um etwas anderes: um Lebendigkeit. Und das ist auch der Punkt: Wer sich in erlernten und übernommenen Mustern lebendig fühlt, der möge diese natürlich weiterhin fortsetzen und leben – klar, wieso auch nicht? Aber wer permanent das Gefühl hat, irgendetwas fehlt, da ist ein Leerlauf wie beim Stillstand eines Oszillographen, für den kann das nicht gelten. Und dieser Mensch wird sich auch höchstwahrscheinlich angezogen fühlen von Menschen oder Situationen, die ihn irritieren und erloschene Lichter zum Flackern bringen. Und das fühlt sich durchaus schon mal an wie die Überquerung einer Gletscherspalte, nicht wie das mühelose Erklimmen des Hausbergs.

Mein heutiges Bildmaterial entspringt meinem neulich mit mir selbst gehaltenen Farbdialog.