Geliebte Feiertage

Wenn Maria nicht gen Himmel gefahren wäre bzw. die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel von Papst Pius XII. nicht als Dogma verkündet worden wäre, könnte ich mich heute nicht dem Müßiggang hingeben. Ich finde das ganz wunderbar, finde es nur sehr merkwürdig, dass das für meinen Schatz nicht gilt, weil er 190 km entfernt ist und Marias Heiligkeit es bis dahin offensichtlich nicht geschafft hat.

Die Pirahã wirken nach

Bei mir wirkt die Lektüre von Everetts Buch “Das glücklichste Volk” noch nach. Es geht mir nicht aus dem Kopf, wie merkwürdig die Welt, besser gesagt der Mensch ist, der sich selbst eine Welt macht und dann behauptet, sie sei halt so. Wie kann es sein, dass wir in einem Zeitalter der empirischen Wissenschaften leben und Ureinwohner/Naturvölker als nicht so gebildet wie uns ansehen, gleichzeitig aber glauben wir an Geschichten, die zwar geschrieben stehen, aber keiner bezeugen kann? Wohingegen die Pirahã zu Daniel Everett sagen: “Wir wollen Jesus nicht.” “Dan, wie kannst du seine Worte haben, wenn du ihn nie gehört oder gesehen hast?” (S.386, S. 389). Für die Pirahã sind Erfahrungen, die sie nicht selbst oder zumindest Personen, die sie kennen, selbst gemacht haben, ohne Bedeutung. Sie glauben nur, was sie unmittelbar erfahren können. Wir dagegen halten Träume und Eingebungen als Humbug und neuronale Neben- und Abfallprodukte, obwohl wir sie selbst unmittelbar erfahren und spüren, dass sie uns nahe gehen und manchmal die Stimmung eines ganzen Tages beeinflussen.

Auch unsere Sichtweise ist subjektiv

Ich kann gar nicht beschreiben, wie mir mehr und mehr deutlich wird, dass wir in einem von uns selbst gebastelten Konstrukt von Vorstellungen und Wertigkeiten leben. Wenn wir nicht einer Bibel folgen würden, in der Gott die Welt in sieben Tagen schuf und am letzten davon ruhte, gäbe es nicht mal unsere Wochenaufteilung. Wir alle gehen davon aus, dass die Woche sieben Tage hat. Aber es gibt genau genommen überhaupt keine Woche! Es ist auch nicht natürlich, dass der Mensch sechs Tage schuften muss, um sich am siebten dann mal auszuruhen. Das ist nur unsere Kultur, unser “selbst gebautes Haus”, das wir als von jeher gegeben annehmen und in das wir immer wieder zurückkehren, obwohl es genau genommen gar nicht da steht. Also wenn das nicht verrückt ist, was denn bitte dann?

Was bildet unsere Sprache ab?

Daniel Everett, der gedanklich in die Tiefen der Grammatik und sprachlichen Zusammenhänge taucht, beginnt durch die Erfahrungen mit den Pirahã die gültigen Thesen unser sprachwissenschaftlichen Elite anzuzweifeln und wirft diese letztendlich über Bord. Auf Seite 314 bemerkt er sehr treffend: “Oft halten wir unsere Werte und die Art, wie wir darüber reden, für ausschließlich »natürlich«, aber das sind sie nicht. Sie sind zum Teil eine Folge der Tatsache, dass wir zufällig in eine bestimmte Kultur und Gesellschaft hineingeboren wurden.” Everett ist der Ansicht, dass Sprache so fundamental mit unserer Art zu denken verknüpft ist, dass wir im Grunde nicht objektiv dazu forschen können. Für ihn lassen sich Sprachen getrennt von ihrem kulturellen Zusammenhang nicht angemessen untersuchen (S. 381). Er erfuhr bei den Pirahã immer wieder, dass er ihre Sprache zum Teil deshalb nicht richtig verstand und deuten konnte, weil ihm diese Kultur fremd war und er als Amerikaner von anderen grundlegenden Denkannahmen ausging.

Obsolete Objektivität

Angesichts all der neuesten Einsichten und Erkenntnisse, die im Grunde vor allem eines zeigen – dass auch wir objektiven, rationalen Zivilisierten unseren eigenen Vorstellungen auf den Leim gehen -, sieht es für mich so aus, als sei das 21. Jahrhundert vor allem das Zeitalter der bröckelnden Objektivität. Bei genauerem Nachdenken kann einem zwar schon mal schwindelig werden, aber irgendwie tut sich da auch eine große Spielwiese für neue Gestaltungsmöglichkeiten auf.

So, und eigentlich wollte ich heute mal nur ganz wenig schreiben. Ging aber nicht. Sorry.