Gedanken zur Freiheit

Das Thema Freiheit, inwiefern wir wirklich frei sind oder nicht, lässt mich momentan nicht mehr so richtig los. Denn festzustellen – wie es manche Neurowissenschaftler allen Ernstes tun -, dass wir im Grunde gar keine freien Entscheidungen treffen können, macht unser Menschsein ziemlich fad und hoffnungslos. In einem ZEIT-online-Artikel vom 11. Oktober 2011 las ich, dass der Direktor des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig damals ganz analog zu Schopenhauer sagte: “Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.” Also haben wir keinen Einfluss auf unsere Entscheidungen und unser Wollen, weil dieses Wollen vor unserem Tun, vor unserer bewussten Handlung im Gehirn schon ohne unseren Willen generiert wurde und wir nur Ausführende sind wie Marionetten, die ihre Fäden nicht sehen.

Verfangen im Materialismus

Interessant daran: Die Argumentation der Neurowissenschaft lautet, dass wir keinen freien Willen haben, weil noch vor unserer bewussten Handlung die Reizmuster im Gehirn abzulesen sind. Daraus schließen diese Wissenschaftler, dass wir nur ausführen, was in unserem Gehirn materiell sich schon formiert hat, und wir einem Wollen, das vor uns ohne uns da war, nur hinterherhinken im Glauben, es sei unser Wollen. Um so zu denken, muss man sich meines Erachtens im Materialismus ziemlich verfangen haben. Denn geht man von der Annahme aus, dass ganzheitliches Bewusstsein, Geist oder Idee vor Materie sind, können die Ergebnisse solcher Experimente ganz anders gedeutet werden: Unsere Gedanken bewirken etwas im Gehirn – in der sichtbaren Materie – und dieses wiederum versetzt unseren Körper in die Lage zu handeln.

Dieses Wirken ist das ungelöste Rätsel

Dieses Wirken von Geist auf Materie, also für unsere Wahrnehmung quasi ein Entstehen von Etwas aus dem Nichts – materiell gesehen -, ist das große Rätsel, das unsere Wissenschaft mitnichten gelöst hat. Ein fast ebenso großes Rätsel ist mir die Borniertheit der vielen Menschen, die nicht im Stande sind, mal über ihren Tellerrand, über ihr gewohntes, antrainiertes Weltbild hinaus zu blicken und einzusehen, dass Forschung auf Annahmen beruht, die gerade nicht wissenschaftlich bewiesen sind und vielleicht auch niemals nach rationalen Maßstäben beweisbar. Diese Menschen brauchen sich nicht lustig zu machen über ihre Vorgänger, die dachten, die Welt sei eine Scheibe, nur weil sie die Kugel nicht sehen konnten.

Freiheit bleibt schwierig

Ich denke zwar, dass Freiheit schwierig bleibt, weil der Mensch grundlegend erstmal durch Reize und Motive gesteuert ist, die tatsächlich wenig mit Willensfreiheit zu tun haben; wie Schopenhauer es bereits 1839 in seiner Schrift darlegt. Ich bin aber überzeugt, dass wir deshalb nicht Freiheit an sich über Bord werfen dürfen, denn das wäre ein Aufgeben, eine Verabschiedung vom Menschsein. Freiheit hat für mich irgendwie mit Selbsterkenntnis, mit Bewusstheit über das (eigene) Selbst zu tun.

Ich weiß nicht genau wie, aber ich bleibe dran…