Ehrliche Offenheit, die Mut macht

Aufgrund meines Blogposts vom 6. Juni zum Buch “Das Erbe der Kriegsenkel” von Matthias Lohre, der meinen Beitrag auf seiner Facebook-Seite teilte, bekam ich eine Zuschrift und Hinweis auf das kürzlich erschienene Buch “Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast” von Maria Bachmann. Da ich gerade mitten in dieser Thematik stecke, interessierte mich auch dieses Buch. Obwohl wie immer ziemlich pleite, habe ich mir das Buch besorgt – und es quasi auf zwei Atemzüge gelesen.

Neun Jahre älter, völlig anderer Lebenslauf und doch gefühlt so ähnlich

Zu Beginn der Lektüre stellte ich fest, dass Maria Bachmanns Erzählung ihrer Kindheit in meinem Kopf ein ziemliches Durcheinander verursachte. Sie selbst ist 1964 geboren – also neun Jahre älter als ich und ein bisschen älter als mein Freund – mit Eltern, die selbst jung den Krieg noch mit erlebten, d.h. im Grunde mit Jahrgängen meiner Großeltern, nicht meiner Eltern. Beim Lesen verschwammen regelrecht alle Jahrgänge und ich wusste nicht, lese ich von meiner Oma, meiner Mutter oder von mir selbst? Ich dachte mir dann, vielleicht ist genau das so bezeichnend für diese vermischten Gefühlslagen, die es so schwierig machen, die eigene Gefühlslage abzugrenzen und für mich zu wissen, was ich eigentlich fühle, was “meins” ist und was den anderen gehört und ich bei ihnen lassen darf?

Die seelische Trümmerarbeit

Leider finde ich die Stelle in Matthias Lohres Buch nicht mehr, aber irgendwo heißt es, unsere Großeltern- und Elterngeneration hätten die physischen Trümmer des Ersten und Zweiten Weltkriegs beseitigt und unsere Aufgabe sei es, die seelischen Trümmer aufzuarbeiten. Und ja, mittlerweile glaube ich das auch. Bücher wie auch Maria Bachmanns helfen, ins Freie zu treten, sich nicht mehr wie ein Versager zu fühlen und zu schämen, weil man in Therapie rennt, obwohl es doch lächerlich ist – denn, was sollte einen schon so quälen, wo es einem doch so gut geht. Wir waren alle die Kinder, die regelmäßig hörten “Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast”, weil die eigenen Großeltern und Eltern unter Entbehrungen litten – existentiellen wie emotionalen -, die wir uns gar nicht vorstellen können.

Den Aufbruch zuzulassen, verunsichert und schmerzt

Manchmal frage ich mich, warum ausgerechnet ich in unserer Familie diejenige bin, die in der Vergangenheit und den gut verschlossenen Gefühlen wühlt und Kisten öffnet, die lieber verschlossen bleiben sollten. Gerade bin ich an einem Punkt, an dem ich mir denke, ich hätte besser gar nie zugelassen, dass ich dieses Fass aufmache. Aber ich konnte nicht anders, weil ich seit drei Jahren intensiv spüre, dass irgendwas in mir so tief vergraben ist, dass ich es gar nicht orten, geschweige denn handhaben kann und vermutlich auch deshalb am liebsten in meiner sicheren “Einzel-Welt” bin. Der Grund: Eine Beziehung, die mich zum ersten Mal in meinem Leben so tief berührt, dass die Kiste einfach nicht zu bleiben wollte. Und so verschieden unsere Lebensläufe auch sind: öffnen wir uns ehrlich unseren Mitmenschen gegenüber, so wird sichtbar, dass wir alle mit den gleichen Ängsten, Nöten und Selbstzweifeln zu kämpfen haben. Ich glaube, ich bin nicht die einzige, die in Therapie- und Gruppensituationen mit wildfremden Menschen erlebt, dass hier echte Nähe und Verbundenheit stattfindet, die wir in den eigenen Familien nicht mal im Ansatz kennen, weil wir uns hinter gut eingeübten Rollen verbergen und Angst vor Nähe und Gefühlen haben, mit denen wir nicht umzugehen gelernt haben.

Was wir gelernt haben

Was wir gelernt haben sehr früh, ist, die Stimmungen der anderen auszuloten und uns so zu verhalten, dass wir die Welt der anderen mit unseren eigenen Gefühlen nicht durcheinander bringen und uns die Zuneigung nicht verscherzen. Ich habe mich in letzter Zeit auch viel mit meinen Eltern unterhalten über die Familiengeschichte, auch ihre Kindheit: da war wenig bis kein Platz für kindliche Gefühle oder Bedürfnisse. Aber für meine Eltern ist das halt so und sie sind heute noch der Meinung, es bringe nichts, in der Vergangenheit zu wühlen und zu forschen, wieso und warum – das sei halt so, jeder müsse halt mit seinem Leben klar kommen. Ja, nur um ehrlich zu sein: Ich komme gerade nicht klar mit meinem Leben. Vielleicht hätte ich den Deckel einfach zu lassen sollen, wie sich´s gehört Vollzeit arbeiten und meine Wohnung einfach häufiger putzen? Dann wäre wenigstens was geleistet und ich wäre nicht untätig herum gesessen und hätte diese Flausen im Kopf.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieses Buch so berührt

Als ich das Buch zu lesen begann, hätte ich niemals vermutet, dass mich das Buch im Laufe der Lektüre so sehr berührt, ich in meiner Küche sitze und mir bei manchen Passagen unwillkürlich die Tränen kommen. Zumal ich mir denke, ich bin doch im Gegensatz zur Autorin total glücklich aufgewachsen, was will ich denn überhaupt? Auch da wieder die üblichen Schuldgefühle über mein Gefühl, dass ich einfach nicht glücklich bin, dass ich meine Gefühle nicht mal richtig wahrnehmen kann, dass ich auf die Frage “Was wünschst Du Dir, was möchtest Du, was brauchst Du?” keine Antwort geben kann, weil es mir geht wie Maria Bachmann: “…weil ich nicht fühlen konnte, was mir gefiel. Sobald ich mich entscheiden sollte, war mein Kopf wie ein Müllhaufen, in dem kein vernünftiger Gedanke überlebte” (Seite 226).

Ich hoffe, die Autorin hat recht

Jetzt sitze ich hier in meiner Wohnung mit dieser seit längerem schon geöffneten Kiste und einem Haufen Irgendwas, das mir jetzt nochmal deutlicher bewusst wird. Trotzdem weiß ich immer noch nicht, wie meine neue Formel heißt für das andere Leben, das ich gerne noch entdecken möchte. Ganz zum Ende des Buches im Kapitel “Freiheit” schreibt Maria Bachmann: “Bei meiner Suche machte ich eine für mich großartige Entdeckung: Es zählt allein die Wirklichkeit und Erfahrung, wie man sie selbst gefühlt und erfahren hat. Egal, was andere dazu sagen. Sie ist der Ausgangspunkt für persönliches Wachstum. Ohne sie gibt es keinen Weg raus an die frische Luft.” (Seite 264). Ich hoffe, sie hat recht. Denn vielleicht bin ich jetzt zumindest endlich an dem Punkt, wo ich mir meine eigene Erfahrungswelt erlaube.

Persönliche Buchempfehlung

Insofern ist dieser Blogpost nun ein sehr persönlicher geworden mit einer Buchempfehlung für alle, die das Gefühl haben, es klemmt irgendwas im Leben, aber sie wissen nicht was. Und wahrscheinlich, so denke ich mir, gilt das alles für jede Generation in der Auseinandersetzung mit der vorhergehenden Generation. Die Kette reißt ja nie ab und alles, was unverdaut ist und war, kommt irgendwann wieder zum Vorschein. Auch der jetzigen KiTa-Generation einer leistungsbesessenen, konsumorientierten Elterngeneration wird, sofern sie den Kontakt zu den eigenen Gefühlen nicht ganz verliert, eine Auseinandersetzung mit den elterlichen Rahmenbedingungen nicht erspart bleiben. Der Trost: Wir wissen mittlerweile, dass nichts so sein muss wie es ist. Wir können uns unsere Wirklichkeit selbst gestalten. Das geht aber nur in vollem Bewusstsein der in uns wirkenden Muster.

Meine heutige Herzens-Empfehlung:

“Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast” von Maria Bachmann

Hinweis:
Die Bücher empfehle ich von ♥Herzen♥
und setze die Links zur Info für Euch.

Ich bekomme dafür kein Geld.