Die Freiheit liegt im Sein

Meine derzeitige Erkältung trägt dazu bei, dass ich im Warmen bleibe und mich mit Schopenhauers Text beschäftige. Ich merke, dass sich – obwohl ich Schopenhauer nach seinen Ausführungen beipflichten muss, dass wir im Grunde genauso durch Naturgesetzlichkeiten bestimmt sind wie alles andere -, dass sich in mir irgendetwas sperrt zu akzeptieren, dass wir durch unsere Handlungen zwar erfahren, was wir sind, nicht aber unsere Handlungen selbst bestimmen können.

Die Freiheit liegt im Sein, nicht im Handeln

Schopenhauer verwirft die Freiheit nicht ganz, verortet sie jedoch in einen Bereich, auf den wir im Grunde keinen Einfluss haben. Denn unser Sein, in dem die Freiheit für ihn liegt, ist ja schon vor uns da, ist quasi von anderer Stelle gesetzt – so sage ich das jetzt mal bzw. so verstehe ich seinen Gedanken. Insofern steht es uns also frei, dieses in unserem Sein, das wir anhand unserer Handlungen erfahren – die sich vollkommen kausal ergeben, nicht anders als bei einem fallenden Stein -, zu erkennen. Wir sind also in unserem Zugang zu dieser Erkenntnis frei, sonst aber nicht; jedenfalls nicht so wie der gewöhnliche Mensch auf der Straße das meint, der sich im Supermarkt gleich seine Lieblingssorte Joghurt oder auf Tinder seinen Traumpartner aussuchen wird. Das hat mit Freiheit nichts zu tun und da stimme ich vollkommen überein mit Schopenhauer.

Aber ist das alles?

Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit? Sind wir vollkommen determiniert und können nur von innen quasi durch unsere Erkenntnisfähigkeit uns selbst zusehen, was wir sind? Ist das die ganze Freiheit? Befriedigt mich das? Nein, ehrlich gesagt nicht. Und ich glaube, die meisten finden das so absurd, dass sie nicht mal einen Gedanken daran verschwenden und sich lieber frei fühlen und einfach tun, was sie wollen. So kann man ja durchaus sein ganzes Leben verbringen. Was für mich keine Option ist. Ganz einfach deshalb, weil mir bewusst ist, dass ich gar nicht frei wählen kann, was ich tue bzw. was ich tun will.

Ein neuer Aspekt in puncto Gott

Auch interessant an Schopenhauers Schrift ist für mich, dass er sehr gut erläutert, wieso den Gläubigen bzw. Theologen immer soviel an Freiheit im Sinne von Handlungsfreiheit des Menschen gelegen ist. Ganz einfach: Wenn der Mensch notwendig Übles tut, weil dies im Anfang der Kausalkette begründet ist, so fällt das Üble und Böse immer auf den Ursprung, nämlich auf Gott zurück. Und das will man natürlich nicht, wenn man an einen guten, allmächtigen Gott glaubt, der besser ist als der Mensch. Nachdem das mein Gottesverständnis aber ja sowieso nicht ist, tangiert mich das nicht für meine Überlegungen. Ich finde es nur sehr erhellend für unsere Kulturgeschichte.

Ich bleibe dran

Ich bleibe jedenfalls dran an diesen Überlegungen und irgendwo ist meines Erachtens der Wurm drin im Denken bzw. wir übersehen etwas oder sind durch unser einseitiges Verstandesdenken blockiert, in anderen Kategorien als Kausalität und Naturgesetzlichkeit zu denken. Dass aber die Freiheit im Sein, nicht im bloßen Handeln liegt, das scheint mir der richtige Ansatz zu sein. Vielleicht, so denke ich mir, ist das Entscheidende zu erkennen, was wir sind? Vielleicht kommt mit der Selbsterkenntnis die Änderung im Handeln? Irgendwie so könnte es sein.

Mein Text bezieht sich auf Schopenhauers Text “Über die Freiheit des menschlichen Willens”