Planet Erde, Kapitel Mensch

Europa, 21. Jahrhundert, Covid19-Pandemie

Der Mensch schreibt das Jahr 2020. Er stellt aufgrund eines neuartigen Corona-Virus fest, dass er sterblich ist; auch in Europa, auch in Amerika. Er hatte es wohl aufgrund seiner industriellen, wirtschaftlichen Vormachtstellung vergessen.

Die Länder melden täglich die ermittelten Zahlen der Infizierten, Erkrankten und Verstorbenen. Jeden Tag gibt es ein aktuelles Ranking, wer die niedrigsten Zahlen hat. Ja, die Zahlen, die müssen stimmen. Seit neuestem allerdings nicht mehr die der Börse, sondern die der Corona-Statistik.

Der Mensch hat sich im Laufe seiner Evolutionsgeschichte zu einem merkwürdigen Wesen entwickelt. Obwohl er alte Menschen mit ihren Lebenserfahrungen, ihrer Würde und ihrem bevorstehenden Tod weitgehend aus dem Tagesgeschehen ausklammert, ist er plötzlich besorgt, ein 88-jähriger Mensch könne gleich sterben und nicht erst mit 91 Jahren, nachdem er weitere drei Jahre in einem Altersheim verbracht hat – ob mehr oder weniger vergessen und einsam, egal, Hauptsache die Zahl ist beeindruckend.

Die Menschen mittleren Alters, deren Lebensqualität aus einem artgerechten Blickwinkel heraus mehr als bedenklich ist, haben ebenfalls Angst, es könnten ihnen ein paar Jahre ihres fantasielosen Konsumentendaseins genommen werden, für das sie tagtäglich größtenteils sinnlose Arbeit verrichten. Je sinnloser die Arbeit, desto höher das Gehalt. Viele sehen es sogar so, dass sie für ihre tägliche Arbeit “Schmerzensgeld” erhalten, das dazu gedacht ist, Designerstücke und Luxusgüter als Seelenpflaster zu kaufen – während die Armen schließlich jeden Tag vor ihrer Hütte im Dreck oder in der Wohnzelle eines Plattenbaus chillen können; ausgleichende Gerechtigkeit muss sein.

Als intergalaktischer Beobachter ein trauriges Bild, wäre es nicht auch irgendwie zum Lachen. Bildet sich der Mensch nicht gar so viel auf seine Intelligenz ein? Wähnt er sich nicht dem Tier weit voraus? Er selbst ein Wesen, das vor allem eines beherrscht: sich selbst und seine wahren Bedürfnisse zugunsten selbst erzeugter Bilder wie Götter und Geld zu übersehen. Bedürfnisse sind ihm tierisch und ungebildet. Ihm ist wichtiger, dass ein Säugling keimfrei überlebt, als dass der Erdankömmling Wärme, Nähe und Berührung erfährt, die seinem gesamten Leben das eigentliche Kapital wären. Dem Menschen ist nicht wichtig, wie er, sondern dass er lebt.

Dabei ist er das einzige Wesen, das um seinen Tod weiß; dass er das Leben nie wird endlos halten können. Vielleicht aber gerade deshalb verbringt er sein komplettes Leben damit, den Tod zu verdrängen und ihm den Kampf anzusagen. Gleichzeitig aber scheut er sich nicht, allerlei grausame Waffen und Massenvernichtungswaffen zu entwickeln und auch einzusetzen.

Was ist schief gelaufen beim Betriebssystem des Menschen?

Diese Frage kann der intergalaktische Rat bis heute nicht beantworten.