Liebe Dich selbst wie Deinen Nächsten

Mein Jahr 2021 startet mit einem besonderen Mandala. Wobei, so besonders ist es nicht, vielleicht ist es vielen herkömmlichen Mandalas ähnlicher als meine ursprünglichen. Aber für mich ist es ein besonderes Mandala geworden und es kam unerwartet, obwohl ich jetzt, wo es auf dem Papier ist, sagen muss: es war klar, dass das kommt. Denn es läutet meine neue Kategorie hier auf diesem Blog ein: Frausein.

Lesereisen mit Ergebnis

Meine Auseinandersetzung mit unserer Kultur und meiner Familiengeschichte hat für mich dazu geführt, dass ich hellhörig geworden bin auf alle Themen rund um uns Frauen. Ich denke, Julia Onkens Bücher waren der Startschuss, jetzt mal genauer hinzusehen, was da schief läuft. Warum haben Frauen in der Regel weniger Selbstwertgefühl als Männer? Warum kämpfen wir um gleiche Gehälter? Warum werden Intuition und Gefühl so gering geschätzt? Warum müssen wir uns in Beziehungen immer noch rechtfertigen, wenn wir etwas Neues beginnen wollen – z.B. eine neue Ausbildung – oder Zeit für uns und unsere Beschäftigungen brauchen oder genauso ungeschminkt den Sonntag verbringen wollen wie Männer jeden Tag? Ich nenne hier nur Bespiele, die freilich nicht auf jede und jeden zutreffen. Aber ich denke, wir sind uns einig – zumindest wir Frauen -, dass Beziehungen immer noch dann am besten funktionieren, wenn wir uns traditionsgemäß unterordnen und unsere Welt rund um unseren Herzkönig und dessen Bedürfnisse arrangieren. Am Thema “Corona Home Office” sieht man es wieder überdeutlich: Frauen, insbesondere Mütter sind diejenigen, die doppelt und dreifach belastet sind. Ob es eine gute Entwicklung ist, Kinder zu bekommen und anschließend in die KiTa zu stecken, damit Frau in der Männerwelt ihren Mann stehen kann – das möchte ich hier beiseite lassen. Wer mich kennt, kennt meine Einstellung dazu sowieso und die ist für eine Aufwertung der weiblichen Qualitäten samt Mutterschaft, nicht für eine Anpassung an die Businesswelt des Mannes.

Ein Leben ohne Kinder

Weshalb habe ich eigentlich ein Leben ohne Kinder? Tja, das frage ich mich auch immer wieder mal. Ich kann es Euch verraten: Ich komme aus einer Familie, in der das Credo herrscht, dass man als Frau am Ar*** ist, wenn man erstmal einen Mann und Kinder hat. Dann kann man gleich alle persönlichen Vorlieben, Interessen und Bedürfnisse in die Tonne treten. Von allen Seiten – Omas, Tanten, Mutter – habe ich nur mitbekommen, dass Männer und Kinder gleichbedeutend mit Selbstaufgabe sind. Dagegen habe ich mich immer gesträubt und das mit Erfolg. Ob das nun ein Segen ist oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich kenne mein Parallelleben nicht, das mir die andere Variante erlebbar machen würde.

Verdrehtes Gebot

Der Titel meines heutigen Blogposts, das verdrehte Gebot, fiel mir gestern Abend spontan ein. Wurden nicht gerade wir Frauen über Jahrhunderte mit dem Bibelzitat “Liebe deinen Nächsten” großgezogen und wurde uns nicht alles angekreidet, was wir für uns selbst und nicht für Mann und Kinder taten? Das Zitat ist freilich unfertig und der wichtigste Teil fehlt. Aber das kam den Männern gerade recht: für Frauen ist oberstes Gebot die Nächstenliebe. Die Männer zogen in den Krieg, veranstalteten schnell mal ein Gemetzel und wer pflegte die Verwundeten gesund? Versteht mich nicht falsch, ich weiß sehr wohl, dass es immer auch andere Männer gab und gibt. Aber was machten Mönche im Kloster? Und wozu brauchte man Klosterschwestern? Und das ist heute noch so. Männer beten in purpurnen Edelroben wie eitle Pfauen, Frauen pflegen in grauen Mäuschen-Kutten die Kranken. Wenn sie rot gekleidet sind, sind sie Nutten. Carolin Kebekus mit ihrem Song “Im Namen der Mutter” lässt grüßen!

Wenn ich erstmal in Fahrt komme

Merkt man es? Bei diesem Thema komme ich gerade richtig in Fahrt. Und das ist gut! Denn wo ist diese Power von mir, die ich so oft schmerzlich vermisse? Sie ist unter all dem Lieb-und-Nett-Sein vergraben. Bloß nicht auffallen, bloß nicht anecken, immer schön leise und zurückhaltend sein, warten bis Dich jemand will und ja kein sinnliches Begehren zeigen, das gehört sich schon gleich gar nicht. Frauen, die anders sind, sind Schlampen, Hexen und nutzlose Geschöpfe. Ich habe das Gefühl, diese Formeln sind in all meinen Körperzellen abgespeichert. Kann ich bitte die Festplatte rausschrauben und die Kontakte zerstören? So sehr ich meine Oma geliebt habe, aber heute weiß ich, unter welcher Dunstglocke an unterdrückten, verdrängten Bedürfnissen und Wünschen und auch unter welcher Bitternis ich aufgewachsen bin. Und das setzt sich fort, solange bis Eine in der Reihe es ans Licht zerrt und sich selbst diesem anfangs schmerzhaften Licht aussetzt. Früher wurden Frauen dafür tatsächlich verbrannt. Diese Zeiten sind zum Glück lange vorbei.

Das Kunstwerk zum Jahresbeginn

Gestern habe ich auf Spiegel Online dann auch noch das perfekte Kunstwerk zum Thema gefunden: die 33 Meter lange Vulva der Künstlerin Juliana Notari in Brasilien. Dieses Kunstwerk löst – wie sollte es anders sein? – kontroverse Reaktionen aus. Eine weithin sichtbare Riesen-Vulva wie eine klaffende Wunde auf der Anhöhe eines Hügels. Wow, das ist allerhand in einer Welt, die zugepflastert ist mit Phallussymbolen, wer wohl den größten hat? Rom, San Gimignano, Paris, New York, Frankfurt, Dubai, Taipeh?

Mein Kurs für 2021 steht fest

Ich glaube, ich habe meinen Kurs für 2021 gefunden. Im Grunde ist es nur die Wiederaufnahme eines Weges, den ich lange Zeit umgangen bin. Das ist okay. Es ist mein Weg. Aber ich denke, viele Frauen – gerade aus meiner Generation – werden das nachvollziehen können und finden sich darin wieder. Deshalb musste ich das jetzt mal so schreiben. Ganz egal, was manche denken. Keiner muss das lesen, jeder darf in seinem Tümpel schwimmen. Aber ich bräuchte eigentlich mal einen Teichwechsel.