Alles nichts, oder?

Während draußen die Welt auf eine bisher ungekannte Weise stillsteht, tue ich im Grunde nichts anderes als sonst: ich werkle und lese zuhause. Meine jüngst beendete Lektüre: Ein Universum aus Nichts von Lawrence M. Krauss, erschienen im Penguin TB Verlag.

Alles und nichts zugleich

Gekauft hatte ich das Buch, weil der Titel sich mit meiner – natürlich völlig unwissenschaftlichen, rein mandalabasierten – These “alles und nichts zugleich” deckt. Da wollte ich doch mal lesen, was dieser Physiker uns mitzuteilen hat. Gespannt auch deshalb, weil der Autor wohl ins Lager der Materialisten gehört; was aber eigentlich keinen Sinn ergibt, wenn es ums Nichts geht.

Viel Lärm um Nichts

Als ich in meiner sonnendurchfluteten Küche saß und las, dachte ich mir (mal wieder), wie verrückt doch alles ist, was der Mensch erforscht und meint zu wissen. Dabei weiß er nicht mal, wie man eine glückliche Beziehung führt oder gar wie unsere Spezies auf diesem Planeten friedlich zusammen leben kann. Stattdessen beschreibt der Autor, dass wir in zwei Milliarden Jahren nicht mehr beobachten können, was wir jetzt beobachten: z.B. das Hintergrundrauschen des Big Bang.

Und nun?

So weit, so gut. Interessant. Aber noch viel interessanter finde ich, dass er in seinem Text selbst mehrmals ausdrücklich betont, dass wir im Grunde nichts wissen. Sein für die Zukunft vorgestelltes Bild vergleicht er mit Dickens Weihnachtsgeschichte und schreibt: “Schließlich haben wir keine Ahnung, was die den leeren Raum durchdringende Dunkle Energie ist.” (S. 157) und “Die Kosmologie hat eine vollkommen mysteriöse Größe hervorgebracht – die Energie des leeren Raums, von der wir im Grunde nichts verstehen.” (S. 182)

Alle in einem Boot

Ich muss schmunzeln, denn letztendlich wo ist dann der Unterschied zwischen einem Physiker, einem Philosophen oder einem Psychologen? Alle erforschen das eine Zehntel, das sichtbar oder wissbar ist und über den Rest spekulieren alle munter vor sich hin. Und selbst zum Sichtbaren bemerkt Krauss: “Dennoch sind wir in doppelter Hinsicht eingeschränkt – in dem, was wir messen können, und in unserer Interpretation der Daten.” (S. 161)

Vielleicht ist alles ganz anders?!

Immer wieder frage ich mich, ob nicht vielleicht alles ganz anders ist und sich die für uns erkennbare Welt – eine andere gibt es nicht für uns – erst durch uns entwickelt und darstellt wie sie ist? Was, wenn wir durch unser Forschen und Ergründen die Komplexität selbst ausdehnen? Vielleicht expandiert nicht das sichtbare Universum, sondern unser bzw. das Bewusstsein? Das würde auch erklären, weshalb sich Religionen irgendwann immer selbst überholt haben, aber dennoch eine wichtige, unumgängliche Wegmarke in der Entwicklung bleiben.

Eines aber bliebe gleich

Eine Konstante jedoch bliebe immer gleich: Die Summe wäre immer Null, in ihr wäre alles und nichts enthalten. Es wäre immer “Ein Universum aus Nichts […]”, wie Krauss auf Seite 142 feststellt. Womit wir dann auch wieder bei den alten Indern wären und bei dem kleinen handschriftlichen Zettel, den ich zwischen meinen gehamsterten Aquarellfarben fand:

Leerheit ist Form, Form ist nichts anderes als Leerheit.

Herz-Sutra aus dem Buddhismus

Immer nur die Spitze des Eisbergs

Ich gebe unumwunden zu, dass ich maximal ein Zehntel des Buches verstanden oder überhaupt einigermaßen nachvollziehen konnte. Dennoch hat mich die Lektüre bereichert. Zum einen, weil das Buch wieder mal sehr schön den ewig alten Streit zwischen Gläubigen und Wissenschaftlern zeigt und zum Nachdenken anregt. Zum anderen, weil ich trotz aller Differenzen fündig geworden bin zu meinem Lieblingsthema, dem Nichts, aus dem laut einer althergebrachten Regel nichts kommen kann. Sollte das mal wieder jemand vorbringen, so habe ich nun die entsprechende Leseempfehlung.

Die Schönheit der Mandalas

Zum Abschluss und als Hommage an die unzähligen Mandalas, die der Mensch erschafften hat und weiterhin erschaffen wird, möchte ich noch folgende Stelle zitieren, die ich tatsächlich schon poetisch finde: “In einer sehr fernen Zukunft werden Protonen und Neutronen zerfallen, die Materie wird verschwinden, und das Universum wird sich einem Zustand maximaler Einfachheit und Symmetrie annähern. Möglicherweise voll mathematischer Schönheit, aber jeder Substanz entleert.” ( S. 237)

♥ Hinweis: ♥
Für den Link auf meine Lieblingsbuchhandlung bekomme ich kein Geld.
Mir liegt Lesen und damit auch mein örtlicher Buchhändler einfach am Herzen.
Besonders auch in Zeiten wie diesen.