Wesensunterschiede

Obwohl ich jede Menge neuen Lesestoff zuhause habe, nahm ich mir neulich Band 6 der Gesammelten Werke C. G. Jungs aus dem Regal, in dem ich vor ein paar Jahren schon gelesen hatte (einer meiner drei Bände der Gesamtausgabe). Während draußen der Weihnachts-Wahnsinn ausgebrochen ist, lese ich über unsere Wesensunterschiede, die uns zuweilen das Leben schwer machen.

Psychologische Typen

In Band 6 Psychologische Typen sind einige interessante Abhandlungen zum Typenproblem in unterschiedlichen Kontexten aus verschiedenen Jahrhunderten versammelt. Jetzt werdet Ihr Euch denken: Was geht mich Jungs Typenproblem an? Glaubt mir, Ihr seid im Grunde jeden Tag damit konfrontiert, ob in der Partnerschaft/Familie oder im Beruf. Je nachdem, welche Grundstruktur wir als Mensch mitbringen, gelingt die Kommunikation und das Verstehen des anderen manchmal erstaunlich gut und reibungslos und ein andermal scheinen wir ständig aneinander vorbei zu reden und zu leben.

Unsere Komponenten

Ich weiß nicht, ob es das erste Mal von Jung so benannt wurde, aber er hat wohl entscheidend die Begriffe extravertiert und introvertiert geprägt. Das sind die zwei Einstellungstypen, zwischen denen Jung unterscheidet. Außerdem unterscheidet er diese dann jeweils nochmal nach den vier Funktionstypen: denkend, fühlend, empfindend und intuitiv. Je nachdem, welche dieser Komponenten in uns am stärksten ausgeprägt sind, fassen wir unsere Umwelt auf und teilen uns anderen entsprechend mit. Wenn man sich ein bisschen nur damit befasst, merkt man, dass das nicht an den Haaren herbeigezogen ist, sondern sich in Alltagsbeobachtungen – auch ohne psychologische Tätigkeit in einer Praxis – nachvollziehen lässt.

Analog zu unseren physischen Sinnen

Wer das komisch, absurd und abwegig findet, möge sich quasi analog zu unseren physischen Sinnen orientieren. Sagen wir mal, ein Mensch, der unheimlich gut riecht und einen hervorragenden Tastsinn hat, dafür aber kaum sieht und hört, trifft auf einen Menschen mit Adleraugen, der zudem extrem gut hört, dafür aber kaum riecht/schmeckt und nur sehr wenig mit seinem Tastsinn spüren kann. In einer Beziehung dieser beiden wäre vermutlich immer einer enttäuscht, weil der eine nie nachvollziehen kann, was den anderen gerade bewegt – so vieles, was er riecht, spürt, sieht und hört und sich gerne darüber austauschen würde. Jeder von beiden verhält sich und kommuniziert auf eine Weise, von der er überzeugt ist, dass damit die Wirklichkeit erfasst ist. Er freut sich darüber, fühlt sich gut, möchte sich darüber mitteilen und stößt auf eine Wand. Aber nicht aus Böswill des anderen, sondern weil dieser, sagen wir mal, das fantastische Essen nicht genauso gut riecht, dafür aber viel besser sieht. Und vielleicht, denke ich mir gerade, möchte der sich ja auch gar nicht austauschen, sondern einfach nur ungestört seiner Empfindung hingeben. Wer weiß…

Hinkender Vergleich?

Der Vergleich mag hinken, aber ich finde er macht relativ gut deutlich, wie verschieden diese Menschen sind. So kann man sich gut vorstellen, dass zwei gleichartige Menschen, die das duftende Essen ausgesprochen gut riechen, sich auch besonders gut darüber austauschen können und in ihren Geruchs- und Geschmacksbeschreibungen schwelgen, während der andere, der das Essen besonders deutlich sieht, sich vermutlich ausgeschlossen fühlt und sich fragt, welchen ausgemachten Blödsinn die beiden da reden. Eventuell würden ihn die beiden sogar als beschränkt einstufen und sich höher stehend einschätzen; zumal sie in der Mehrzahl sind. Dass ihnen selbst ein anderer Zugang zur Wirklichkeit fehlt, können sie nur glauben, nicht aber prüfen.

Gemeinsamer Nenner

Diese Personen so unterschiedlichen Typs werden in ihrer Kommunikation kaum auf einen Nenner kommen. Aber nicht, weil einer “objektiv” wäre und der andere nicht, sondern weil jeder eben anders ausgerüstet ist. Alles, was wir Menschen wahrnehmen, erfassen und erkennen können, muss durch unseren persönlichen Filter durch. Dementsprechend geben wir es auch weiter; was wiederum den passenden Empfänger benötigt, um verstanden zu werden.

Zu einfach heruntergebrochen

Mir ist klar, dass meine Ausführungen für dieses komplexe Thema zu platt und vereinfachend sind; zudem sind sie gefärbt von meinem Typ (der bestimmt nicht der einfachste ist… Ich sehe alle, die mich besser kennen, bei diesem Einwurf nicken…). Ich denke, das grundlegende Problem lässt sich so aber ganz gut darstellen und nachvollziehen, und ich glaube, nur das Bewusstwerden dieser Thematik kann eine Verbesserung herbeiführen. Zwar kann niemand seine Grundstruktur komplett ändern, aber sich dieser bewusst zu sein, ist ein erster Schritt. Ein erster Schritt, andere gelten zu lassen und zu verstehen, dass das, was wir gering achten, uns bereichern kann; im besten Falle vielleicht sogar selbst in uns zu entdecken und in eine gesunde Ganzheit zu integrieren.