Wertschätzung der eigenen Wahrnehmung

Im heutigen Blogpost möchte ich ein Buch empfehlen, das mir persönlich sehr am Herzen liegt: “Das Erbe der Kriegsenkel” von Matthias Lohre.

Der Nebel, in dem wir aufwuchsen

2016 und 2017 las ich bereits die Bücher “Kriegsenkel” von Sabine Bode und “Wir Kinder der Kriegskinder” von Anne-Ev Ustorf. Auch diese beiden Bücher habe ich mit Interesse gelesen und viele der eigenen unklaren Empfindungen, was Familienthemen betrifft, wieder entdeckt. Aber in der Vielzahl der dort recherchierten Familiengeschichten spielen ganz explizit Vorkommnisse wie Flucht, Vergewaltigung und gezielt aktive Mitgliedschaft in der NSDAP eine Rolle. Das alles gab es meines Wissens in meiner Familie nicht. Damit blieb für mich immer: Das betrifft mich in dieser Form gar nicht, meine latent graue Suppe ist wohl nur eingebildet.

Eine unscheinbare Familiengeschichte

Das ist in Matthias Lohre´s Buch anders. Er beschäftigt sich mit dem Thema in erster Linie nur durch seine eigene Familiengeschichte, die im Grunde eine ganz unscheinbare ist. Er beschäftigt sich mit seinem eigenen Empfinden und seinen Erinnerungen, denen er nachforscht und sich dadurch erstmals wieder daran wagt, auch die damit verbundenen Gefühle zuzulassen. Gefühle, die in unserer Generation und vielleicht auch speziell in der deutschen Geschichte keinen Platz hatten (und haben?). Da schreibt ein Mann meines Alters – ein erfolgreicher, nicht so ein erfolgloser Künstlertyp wie ich – über sein Leben, das einerseits völlig anders verlief und doch meinem innerlich gleicht.

“So haben die Kinder der Kriegskinder früh gelernt, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen: Was ist bloß mit mir los, es ist doch alles gut?(Seite 176)

Es geht uns doch so gut

Er zitiert in seinem Buch Sätze, die seine und die Kindheit (mindestens) einer ganzen Generation prägen. Wir sind die Generation, die sich nicht zu beklagen hat, weil es ihr sowieso viel besser geht als den Kriegsgenerationen davor. Ja, das stimmt! Und darin liegt auch gar nicht unser Problem, uns geht es tatsächlich sehr gut. Das Problem liegt darin, dass die Generationen vor uns Gefühle wie z.B. Trauer nicht leben und fühlen konnten/durften und all diese Emotionen unter einen Teppich des Schweigens und gut funktionierender Betriebsamkeit legten: man muss halt einfach die Zähne zusammenbeißen und Gefühle erst gar nicht aufkommen lassen, dann funktioniert alles wunderbar! Es geht uns doch so gut!

“Ich war unglücklich, aber verstand es nicht, weil ich es nicht anders kannte. Ich bekam erste graue Haare – und hatte das Gefühl, mein Leben habe noch nicht begonnen. Ich war mir selbst fremd.” (Seite 43)

Nicht nur für meine Generation

In meinen Augen ist Matthias Lohre´s Buch nicht nur für uns Kriegsenkel ein Segen und eine Bestärkung, der eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Empfinden (wieder) zu vertrauen. Letztendlich ist seine Auseinandersetzung mit seiner Lebensgeschichte stellvertretend für die Auseinandersetzung damit, wie wichtig es ist, in Kontakt mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu bleiben, um all die verdrängten Frustrationen und nie gelebten Gefühle nicht an die eigenen Kinder weiterzugeben oder in Partnerschaften fortzuführen. Das Tragische ist ja, dass das nicht bewusst passiert, sondern ganz unbewusst. Und das wirkt.
Das ist keine Vergangenheit, das passiert tagtäglich. Es geht darum, Bewusstsein für diese Vorgänge überhaupt zu schaffen und durch das gesunde Verhältnis zu sich selbst auch den Kindern dieses weiterzugeben. Ob das in einer Burnout-Gesellschaft gegeben ist, die durch Konsum seelische Wunden zu übertünchen versucht, wo doch nur graue Wände sind?

Dank an den Autor

Mir jedenfalls hilft Matthias Lohre´s Buch gerade auf meinem Weg, meiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und meinen Weg zu gehen. Ich bin kein Versager, nur weil ich das Gefühl habe, ich müsste glücklicher sein als ich es bin – wo es mir doch so gut geht. Ja, das tut es; es geht mir sehr gut. Aber eben auch nicht wirklich. Und das möchte ich für den Rest meines Lebens noch ändern. Nebel ist durchaus geheimnisvoll schön, aber noch schöner ist es, wenn er sich klärt und der Blick auf die Landschaft frei wird. Nur wenn ich die Landschaft sehe, kann ich bewusst entscheiden, welchen Weg ich gehen möchte.

Meine Buchempfehlungen zum heutigen Blogpost:

“Das Erbe der Kriegsenkel” von Matthias Lohre
“Wir Kinder der Kriegskinder” von Anne-Ev Ustorf
“Kriegsenkel” von Sabine Bode

Hinweis:
Die Bücher empfehle ich von ♥Herzen♥
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Ich bekomme dafür kein Geld.