Wäre unsere Welt eine andere geworden?

Ich frage mich: Was, wenn sich nicht Platons Philosophie vorwiegend durchgesetzt hätte und somit – soweit ich das momentan durch meine Nachforschungen überblicke – auch dem Christentum den Weg geebnet hätte hin zur Staatsreligion?

Epikurs Philosophie als Alternative?

Ich habe mal etwas stichpunktartig zu Epikur gelesen. Anscheinend ist es so, dass Epikurs Philosophie mit unserem heutzutage negativ gefärbten Begriff “Hedonismus” eigentlich wenig zu tun, damit aber häufig in Verbindung gebracht und deshalb gerne als übertrieben lustbetont verworfen wird. Epikur ging es nicht um eine kurzfristige Befriedigung aller egoistischen Motive und Bedürfnisse, sondern um ein maßvolles Leben, in dem Furcht und Schmerz weitgehend minimiert sind und unsere Grundbedürfnisse erfüllt; dazu gehört natürlich auch die Lust. Zur unnötigen Furcht zählt Epikur u.a. auch die Gottesfurcht; also genau jene Furcht, die sich durch die monotheistischen (väterlichen) Religionen festigen konnte.

Keine Ausschweifungen, keine Werbeagenturen,
dafür aber gleichberechtigte Frauen

Ich denke mir: Mit Epikurs Philosophie im Hintergrund gäbe es vielleicht gerade keine lustüberbetonten Ausschweifungen (die ja nur aus der Unterdrückung geboren sind) und vielleicht lebten wir in einer Welt ohne von Werbeagenturen künstlich erzeugte Bedürfnisse, für die wir ein Arbeitsleben im Hamsterrad zugunsten einer florierenden Wirtschaft ertragen müssen. Vielleicht würden wir mit Epikurs Maximen medizinischen Fortschritt nicht wegen des wirtschaftlichen Profits entwickeln, sondern wirklich, um Schmerz und Leiden aller Menschen zu minimieren? Wäre das nicht besser?
Und ganz nebenbei bemerkt war Epikur, was die Gleichberechtigung aller Menschen betrifft, der weitaus modernere Denker in der Antike, der mit der Aufnahme auch von Frauen und Sklaven in seinen Garten vor den Toren Athens eine Provokation für die bestehenden Eliten war.

Will der Mensch wirklich unsterblich sein?

Epikur war der Ansicht, der Mensch sowie alles andere in der Welt sei vergänglich und unser Leben mit dem Tod zu Ende. Mit seinem atomistischen Materialismus steht er genau genommen dem immer noch von der empirischen Wissenschaft vermittelten Weltbild näher als Platon. Epikur sah keinen Grund, sich vor dem Tode zu fürchten: denn wenn wir leben, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, leben wir nicht; d.h. der Tod bekümmert uns eigentlich gar nicht (jedenfalls nicht unser eigener). Deshalb sollten wir mit Epikur jeden Tag des Lebens genießen und im Jetzt leben. Klingen da nicht alle heute blühenden Aufmerksamkeits-Philosophien an? Spannenderweise ja. Ist es hierbei wirklich von Bedeutung, ob wir ganz oder nur körperlich uns auflösen? Zumal, wenn man bedenkt, dass Vergangenes sowieso anders zusammengesetzt wieder in den ewigen Kreislauf mit eingeht? Was ist Unsterblichkeit im Hinblick darauf? Wollen wir wirklich unser kleines Ich durch alle Zeiten retten? Ist uns so sehr daran gelegen? Liegt nicht gerade darin eine maßlose Überschätzung unseres jeweiligen Daseins?

Philosophisches Salat-Dressing

Gerade denke ich mir: Es war doch immer so, dass einzelne Denker sich das Gedankengut ihrer Vorgänger – von dem sie gelernt oder mit dem sie aufgewachsen waren – aneigneten und dann aus allem das übernahmen, was in ihre eigene Weltanschauung passte. Letztendlich machte doch jeder Philosoph aus den von den Vorgängergenerationen überlieferten Komponenten sein eigenes `Salat-Dressing´. Und je gebildeter, d.h. weiter herum gekommen einer war, desto ausgereifter konnte es sein. Warum machen wir das heute nicht mehr? Warum machen wir uns nicht die Mühe, Übernommenes zu durchdenken?

Aufgeklärt, aber zu bequem

Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, weshalb wir weiterhin in Bahnen bleiben, die wir sicherlich nicht wählen würden. Vom ganz individuellen Unsinn eines Jobs, der uns anödet und uns krank macht bist hin zur Tatsache, dass wir unsere Lebensgrundlagen zerstören und uns in den digitalen Wahnsinn treiben. Ich glaube, wir könnten uns ein viel köstlicheres Salat-Dressing zubereiten als dieses, welches wir uns seit einigen hundert Jahren auftischen lassen. Wir sind aufgeklärt und haben den Luxus zu denken, aber unser Leben ist so bequem geworden, dass wir kirchliche Routine unreflektiert in unsere hedonistisch dekadente Lebensweise integrieren und meinen, das passe irgendwie zusammen. Und bei all dem wird nichts mehr hinterfragt, sondern großzügig in die eigene Manipulation eingewilligt, um einzelnen Menschen einen absurden materiellen Reichtum zu ermöglichen.

Jeder Mensch ist ein “Gotteskind”

Meine Religion, wenn ich denn eine habe, ist die, dass jeder von uns ein “Gotteskind” ist. In meinen Augen ist jeder einzelne von uns gleich wertvoll und wichtig. Wenn uns Jesus eine Botschaft übermitteln wollte, dann vielleicht die, dass jeder das Recht hat, sich als ein Kind Gottes zu bezeichnen. Damit hat aber auch jeder einzelne die Pflicht, selbst zu denken und Verantwortung zu übernehmen für die Form, die wir unserer Welt geben. Da reicht der konservative, gut bürgerliche Kirchgang, der die täglich begangenen Umweltsünden von uns waschen soll, nicht mehr. Wir dürften uns aber sehr wohl ohne schlechtes Gewissen menschliche Bedürfnisse nach Nähe, Berührung und Aufmerksamkeit erfüllen. Wäre das nicht erstrebenswerter?