Von Wunderdingen und Heilmitteln

Wieso scheinen die meisten Menschen nicht zu bemerken, dass das größte Rätsel sie selbst, der Mensch, sind?

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen, nur nicht gegen sich selbst…

Manchmal wundere ich mich doch, was der Mensch nicht alles erforscht, untersucht und molekular durchdringt, um gegen alles ein Heilmittel herzustellen und Abhilfe zu schaffen. Dabei vergisst er das Heilmittel gegen sich selbst bzw. seine Gewohnheit, sich selbst nur oberflächlich anzutasten und alle Übel außerhalb seiner selbst zu sehen.

Ungeheuer und Wunderdinge

Der Mensch sucht für alles ihm Fremdartige in der Welt eine Erklärung und sieht an sich selbst meist vorbei. Aus diesen Gedanken heraus bin ich von dem kleinen Büchlein „Von der Macht der Phantasie“, eine Auswahl an Michel de Montaignes Essays, ganz begeistert. Zeigt es doch, dass wir zwar vermeintlich große Fortschritte machen und dennoch diese Texte aus dem 16. Jahrhundert heute um nichts weniger aktuell sind als damals. Auch wenn – wie ich im Nachwort erfuhr – das Wort „Phantasie“ damals anders verwendet wurde als heute und deshalb von Montaigne gewählt wurde.

Wer sich besser kennenlernt, bemerkt den Irrtum…

Dieses Büchlein ist inhaltlich und sprachlich ein Genuss und außerdem eine besonders schöne Ausgabe (es geht einfach nichts über ein „echtes“ Buch aus Papier und Druckerschwärze). Ich muss ehrlich zugeben: Montaigne hatte ich bisher nicht wahrgenommen, aber diese haptisch und optisch schöne Buchausgabe, die meinem Kirchenmaler-Herz in Auge sprang, habe ich mir neulich in der Buchhandlung mitgenommen, weil mir der Titel und auch die kurze Beschreibung zusagte. Und so ist es jetzt eine Entdeckung von mir, ein neuer „Freund im Geiste“ sozusagen. Ich kann mich ihm nur anschließen: „Ich habe auf dieser Welt noch kein handgreiflicheres Ungeheuer und Wunderding gesehen als mich selbst. Mit der Zeit und Gewohnheit macht man sich mit allem Befremdlichen vertraut; doch je mehr ich mit mir umgehe und mich kennenlerne, desto mehr verwundert mich meine Ungestalt, desto weniger kenne ich mich in mir aus.“ (S. 29, Von der Macht der Phantasie, Michel de Montaigne, dtv/C.H.Beck)

Ebenso wie die Herausgeberin wünsche ich diesen Essays viele Leserinnen und Leser.
Deshalb meine Empfehlung:

„Von der Macht der Phantasie“, Michel de Montaigne, dtv/C.H.Beck