Tempus fugit

„Die Zeit flieht“ – und so kam ich erst über den Jahreswechsel dazu, Rüdiger Safranskis Buch „Zeit“ zu lesen, das ich mir bereits vergangenen Sommer in der Buchhandlung mitgenommen hatte.

Zeit betrifft uns alle

Zeit ist ja ein Thema, das uns alle betrifft. Sei es alltäglich im Sinne von Terminen, Fahrplänen und Öffnungszeiten oder philosophisch, dass wir z.B. immer wieder staunen, wie relativ Zeit in unserem Zeitempfinden ist: 1 Stunde im Wartezimmer beim Arzt warten oder 1 Stunde voll Begeisterung im Proberaum Musik machen? Ganz abgesehen davon, weiß auch niemand von uns, wann ihm sein letztes Stündlein schlagen wird.

Zyklische versus lineare Zeit

Ein Thema, das mich u.a. philosophisch beschäftigt, ist der Unterschied zwischen zyklischer und linearer Zeit. Bereits 2005 beschäftigte mich die Frage, ob die Zeit am besten mit einem Zeitpfeil oder mit einem Kreis dargestellt werden kann? Schon damals tendierte ich zur zyklischen Auffassung von Zeit, die als Kreis oder Punkt dargestellt gleichermaßen die bloße Gegenwart versinnbildlichen kann. Vermutlich führten auch diese Gedanken letztendlich zu meinen Mandalas als philosophische Struktur.
Mandalas haben vermutlich nicht zuletzt deshalb eine zentrierende, beruhigende Wirkung, weil sie der zyklischen Zeit verwandt sind. Safranski bemerkt auf Seite 134, dass die zyklische Zeit, die er auch organische nennt, dem gestressten Bewusstsein Halt zu geben vermag:
„Es ist im Übrigen so, dass, wenn man auch nur kurz in die organische Zeit eintaucht, das gesellschaftliche Zeitgetriebe sofort als ein eher komisches Gezappel erscheint.“ (S. 134).
Kein Wunder, dass Mandalas auch in der Therapie verwendet werden und nachweislich positiv auf uns wirken (siehe hierzu z.B. Rüdiger Dahlkes „Arbeitsbuch zur Mandala-Therapie“, Irisiana Verlag, Seite 19).

Ewigkeit in der Zeit?

Ein weiteres Thema, das mich immer wieder umtreibt, ist die Frage der Ewigkeit: Was bedeutet sie, wo ist sie zu finden, ist sie erstrebenswert? Erstrebenswert in einer z.B. ewig anhaltenden Jugend? Wohl kaum. Denn das würde im herkömmlichen Verständnis m.E. ein Gefangensein in einer sich immer wiederholenden Zeitschlaufe mit sich bringen. Ein grauenhafter Gedanke! Zumal es weniger wie ein abgerundeter zyklischer Prozess wäre, sondern wie das nie endende Zurückspulen und neue Ablaufenlassen der immer gleichen Kassette.

Ewigkeit im Jetzt

Ein Gedicht von mir aus 2008 beinhaltet die Zeilen:
„Die Ewigkeit ist nicht von Dauer,
des Menschen Ansicht nur zieht sie so lang,
obwohl sie steckt in jedem Punkt vom ganzen Strang.“
Auch hierin ist meine Beschäftigung mit Zeit dokumentiert, ausgehend von meinen Überlegungen zur Mystik, zum >nunc stans< der Mystiker, zu dem mich meine Suche aufgrund eigener Erlebnisse damals führte. Im letzten Kapitel „Erfüllte Zeit und Ewigkeit“ nimmt Safranski auch hierauf Bezug.

Einzelne Zeitpunkte

Im Kapitel „Spiel mit der Zeit“ finde ich Safranskis Gedanken zur Fotographie als Fixierung einzelner Zeitpunkte, die es so eigentlich gar nicht gibt für uns, sehr interessant und inspirierend. Zumal ich darin meinen Gedanken wiederfinde, dass meine einzelnen Mandalas jeweils „Momentaufnahmen“ des an sich immer gleichbleibenden Seins darstellen. Aneinandergereiht würden sie quasi eine Entwicklung, eine Bewegung abbilden.

Dies ist übrigens mein 200. Mandala!

Zeitreise

Safranskis Buch ist eine Reise durch die Zeit anhand des Phänomens Zeit. Der Leser wird mitgenommen auf diese spannende Reise, die vieles zu denken aufgibt – auch und vor allem in der heutigen Zeit (insbesondere im Kapitel „Bewirtschaftete Zeit“).

Mein Fazit: Klare Leseempfehlung!

Link zum Buch: „Zeit“ von Rüdiger Safranski