Tag- und Nachtseite

Der Lesesommer ist nun schon etwas fortgeschrittener.
Nicht nur, dass mittlerweile August ist, auch mein Lesestoff schreitet fort.

Die Nachtseite der Wissenschaft

Ein wirklich wunderbares Buch ist das leider nur dünne Büchlein „Die aufschimmernde Nachtseite“ von Ernst Peter Fischer. Dieses Buch ist eine zum Nachdenken anregende Zusammenfassung der Tatsache, dass in der Wissenschaftsgeschichte völlig übersehen, verdrängt und ignoriert wird, was in der Kunst- und Musikgeschichte ganz selbstverständlich integriert ist: die Persönlichkeit des Künstlers, seine Psyche und seine Erfahrungen. Dass wissenschaftliche Erkenntnisse ebenso durch herausragende Momente im Leben der Wissenschaftler entstehen, die mit den persönlichen Erfahrungen und dem Charakter des Menschen „im“ Wissenschaftler zu tun haben, wird in der Wissenschaft größtenteils immer noch genauso ignorant verdrängt wie die Tatsache, dass es im Grunde eine objektive Erkenntnis nicht gibt. Alles hängt mit allem zusammen und eine objektive Beobachtung unabhängig vom Beobachter gibt es nicht.

Einen Schwerpunkt des Buches bildet der Physiker Wolfgang Pauli. Für mich war vieles eine willkommene Wiederholung, da ich sowohl das Buch „Brücken zum Kosmos“ von Ernst Peter Fischer als auch „137: C.G. Jung, Wolfgang Pauli und die Suche nach der kosmischen Zahl“ von Arthur I. Miller schon gelesen habe. Beide Bücher widmen sich der Verbindung von Pauli und Jung, d.h. der Verbindung von Tag- und Nachtseite der Wissenschaft oder des menschlichen Lebens und Strebens allgemein. Wer für dieses Thema Interesse hat, dem sei Fischers Buch „Die aufschimmernde Nachtseite“ als Einstieg ans Herz gelegt.

Wissenschaft und Mystik

Das Buch, das ich momentan lese, ist „Alles Leben ist eins“. Die Philosophin und Naturwissenschaftlerin Renée Weber hat sich in den 70er und 80er Jahren mit Naturwissenschaftlern und religiösen Persönlichkeiten zu Gesprächen über Wissenschaft und Mystik getroffen. In ihrem Buch gibt sie Einblick in diese Gespräche.

Renée Weber verfolgt den Gedanken, der mich auch umtreibt: „Alles Leben ist eins“. Dieses Eine ist es, das allem Sein zugrunde liegt, Ursprung mystischer Erfahrung ist und letztendlich Antrieb aller Wissenschaft. Für mich wird dieses Eine symbolisiert durch das Mandala. Dreh- und Angelpunkt meines künstlerischen Schaffens also, das sich in meinen Bildern zeigt, aber mehr ist als nur der „Buchstabe“ im Sinne des sichtbaren Mandalas. Das „buchstäbliche“ Mandala ist eine schöne Erscheinung und zugleich Symbol für das, was im Buddhismus mit Leere – shunya – bezeichnet wird. Es ist nichts und alles zugleich. Oder wie Bruder Bede Griffiths sagt: „Alles und nichts. Neti, neti: Nicht dies, nicht das (aus den Upanishaden).“ (S. 226)

Ich habe das Buch noch nicht ganz ausgelesen, aber ich muss sagen, dass mich ganz besonders das Gespräch mit Bruder Bede beeindruckt. Bruder Bede war ein britischer Benediktinermönch und christlicher Mystiker, der bekannt war für seinen Religionsdialog mit dem Hinduismus. Er wuchs anglikanisch auf, studierte in Oxford, konvertierte mit 24 zur katholischen Kirche, lebte und wirkte einige Jahre in katholischen Klöstern, entschied sich aber aufgrund seines Interesses für indische Literatur mit 49 nach Indien zu gehen. Er studierte Sanskrit, lebte 10 Jahre in einem Ashram und leitete ab 1968 bis Ende seines Lebens 1993 selbst einen Ashram in Südindien. Für mich eine interessante Neuentdeckung!

Meine Buchempfehlungen zum heutigen Blogpost:

„Die aufschimmernde Nachtseite“ von Ernst Peter Fischer
„Brücken zum Kosmos“ von Ernst Peter Fischer
„137: C.G. Jung, Wolfgang Pauli und die Suche nach der kosmischen Zahl“ von Arthur I. Miller
„Alles Leben ist eins“ von Renée Weber