Start ins Neue Jahr

Die ersten fünf Tage des neuen Jahres verbrachte ich mit meinem Signore in Rothenburg ob der Tauber. Ein Ort, den ich schon immer einmal sehen wollte. Das Gefühl war richtig, ich mag diese Stadt sehr! Zu Beginn des Jahres war alles noch ganz weihnachtlich geschmückt und der Besuch im ganzjährig geöffneten Weihnachtsladen insofern nicht außergewöhnlich. Es war einfach noch ein schöner Ausklang und für den Christbaum 2019 warten jetzt vier neue Glasvögelchen mit all den anderen, die in meine Vogelschar gehören.

Stadterkundung

Das einheitliche Stadtbild, das zum Glück auch nach der Bombardierung Ende des zweiten Weltkriegs erhalten bzw. wieder hergestellt werden konnte, lässt einen eintauchen in die Vergangenheit. Ich liebe es, einfach durch die Straßen zu spazieren, die Häuser, Gassen, Wehrgänge und Details zu inspizieren und den Gedanken nachzuhängen, die da so kommen. In Rothenburg kann man dem Mittelalter und der frühen Neuzeit nachspüren wie in kaum einer anderen Stadt.

Die dunkle Seite der Vergangenheit

Der Besuch im Mittelalterlichen Kriminalmuseum hat seinen Teil dazu beigetragen, auch die dunklen Kapitel von Inquisition und Folter in Erinnerung zu rufen. Alles im Namen der Kirche. Und immer die Frage: Wie kann das, was einzelne Religionsstifter rund um den Erdball verkündet haben – die Liebe -, so sehr verdreht und pervertiert werden? Und es ist ja nicht so, dass wir darüber hinaus wären, auch wenn wir uns ständig weiterentwickeln. Wobei mir sofort die Frage in den Kopf schießt: Was haben wir weiterentwickelt, uns oder unsere (Vernichtungs)Technologie?

Utopien statt Dystopien

Außerhalb der Stadtmauern waren wir nur zweimal; einmal für einen Kinobesuch. Wir entschieden uns für den Film “Mortal Engines: Krieg der Städte”. Eine spannende Unterhaltung mit Popcorn und anschließendem schaurig schönen Winterspaziergang durch die Nacht zurück ins Hotel. Diese Filme machen mich nachdenklich. Denn wieso um Himmels Willen besteht ein Großteil unserer Filmindustrie – d.h. die Bilder, mit denen wir gefüttert werden – aus Dystopien, in denen die jetzige Zivilisation durch Hightechwaffen zerstört wurde und wir uns quasi wieder ins Mittelalter katapultiert haben? Wieso füttern wir unseren Geist freiwillig mit diesen destruktiven Zukunftsvisionen? Da brauchen wir uns nicht wundern, wenn wir genau dort landen eines Tages. Als wir all die jetzt errungenen Fortschritte noch nicht hatten, gab es Utopien, wie der Mensch am besten leben könne. Jetzt kreieren wir uns unsere selbst verschuldete düstere Zukunft, in der dann wieder einzelne um ein besseres Leben kämpfen. Eigentlich absurd, oder etwa nicht?

Das Glück liegt oft in den kleinen Dingen

Der Mensch strebt nach immer mehr, nach weiter & schneller & besser & aufregender. Wir hätten auch ein paar Tage irgendwo hinfliegen können. Es ist ja geradezu irrsinnig, dass die paar Tage anderswo vermutlich günstiger gewesen wären – trotz Flug etc. Aber ich wollte nicht, weil ich diese Hektik, den Stress und die vielen Menschen auf einem Haufen im Grunde überhaupt nicht leiden kann. Stattdessen waren wir also ein paar Tage bei uns in Bayern, haben uns durch den Tag treiben lassen und ab und zu eine schöne Kaffeepause gemacht. Allerdings: die Rothenburger Altstadt in allen Ehren, aber die Inneneinrichtung der Restaurants und Cafés ist größtenteils einfach nur spießig, völlig geschmacksresistent und irgendwo zwischen Mittelalter und 1980 hängen geblieben. Deshalb war unsere schönste Kaffeepause außerhalb der Stadtmauern im BrotHaus Café, zuhause im 21. Jahrhundert sozusagen. Dort ist ein Hamburger Bäcker tätig, der wunderbar schmeckende Franzbrötchen bäckt, die hier “Zimtzicke” heißen, wie uns die gut gelaunte Verkäuferin verriet. Wie auch immer die Dinger heißen: Es ist ein kleines großes Glück, im Warmen einen Kaffee und ein Stück süßes Gebäck in Frieden genießen zu können.

In diesem Sinne: Nährt die guten, schönen Bilder im kommenden Jahr, auf dass wir uns in einer menschenfreundlichen – insgesamt artgerechten – und liebevollen Zukunft wiederfinden!