Skurrile Gedanken

In letzter Zeit kommen mir immer öfter skurrile Gedanken, was überhaupt Wirklichkeit ist. Wobei: da wir Menschen über die letzten Gründe unseres Seins und die Wirklichkeit nichts wissen können, ist alles Spekulieren und Denken erlaubt. Zumal genau das – unser Denken und das Vermögen, es sprachlich auszudrücken – uns Menschen ja gerade ausmacht.

Die Sache mit den inneren Bildern

In letzter Zeit habe ich wieder ziemlich quer Beet gelesen, z.B. „Warum ich kein Christ bin“ von Kurt Flasch oder „Das Königreich der Sprache“ von Tom Wolfe. Außerdem zwei sehr gute Vorträge von C.G. Jung in Band VIII der Gesammelten Werke: „Das Grundproblem der gegenwärtigen Psychologie“ und „Analytische Psychologie und Weltanschauung“. In allen Texten ist immer viel auch von Bildern, Vorstellungen und Einstellungen die Rede. Und in meinem Hinterkopf läuft momentan die Frage mit: Was war eigentlich zuerst? Die Wirklichkeit, das, was wir meinen „es sei halt so“ oder unsere Bilder und Vorstellungen, wie die Welt ist oder zu sein hat, damit wir in ihr zurechtkommen?

Ein Wechselspiel

Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem. Aber zu behaupten, die Welt oder es – was auch immer – sei so und eben nicht anders, ist vermessen und unreflektiert; im schlimmsten Falle vollkommen unkritisch und dumm. Der Test in der eigenen Lebensgeschichte: Als wir auf die Welt kamen, was hatten wir da für einen Blick auf die Welt? Als Kinder, wie nahmen wir unsere Umgebung und unsere eigenen Empfindungen wahr? Und was ist dann im Laufe der Anpassungsjahre daraus geworden? Wie oft hörten wir auf unsere Frage die Antwort „ja mei, das ist halt so“? Dieser Drang, die Dinge und unser merkwürdiges Verhalten zu hinterfragen, ist in mir nie abgestorben. Fluch oder Segen? Selbst mein Fragen hinterfrage ich noch!

Wir glauben, was wir sehen und wir sehen, was wir glauben

Bei allem, was ich lese und aufnehme, fällt mir zur Zeit auf, dass der Mensch oft – sehr oft! – entdeckt hat, was er zuvor geistig in eine Theorie gepackt hat. Er mag Anhaltspunkte im Außen zu seiner Theorie oder These gehabt haben, aber dann hat er spekuliert und sich was dazu ausgedacht. Und nicht selten fand er seinen „Glauben“ dann wiederum im Außen durch Erfahrung, Experiment und Funde bestätigt, um seine These zu untermauern. Oder etwas sarkastisch formuliert: Um sein eigenes Weltbild zu zementieren, auf dass es nicht mehr ins Wanken komme und das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit in einer unsicheren Welt befriedigt werde. Und mir stellt sich die Frage: Haben wir uns regelrecht einzementiert? Sowohl in unserer Einzelgeschichte als auch menschheitsgeschichtlich?

Eine Zeit, in der sich vieles auflöst

Beim Lesen von Kurt Flasch´ Buch „Warum ich kein Christ bin“ fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass ich in einem kulturellen Kontext aufgewachsen bin, der sich aus einem Buch, einem Text aus Menschenhand ableitet und im Laufe der Jahrhunderte zu einem unhinterfragten Grund geworden ist – inklusive Interpretationsvarianten und Übersetzungsfehlern. Was habe ich als Kind schon zu diesem in manchen Teilen unsäglichen Buch Fragen gestellt! Aber mir wurde vermittelt, dass das „halt so ist“; den Glauben hinterfragt man nicht, er gehört zu unserer Kultur und unserem Selbstverständnis. Dass sich diese Aspekte unserer Kultur unaufhörlich auflösen seit Beginn der Aufklärung, liegt auf der Hand.

Ein Bild löst das andere ab

Mittlerweile sind wir wissenschaftsgläubig, ohne hier noch groß zu hinterfragen. Doch wieso glauben wir den Wissenschaftlern immer noch in solch groteskem Maße, obwohl doch längst hinreichend bekannt ist, dass es keine Erfahrung, kein Ergebnis ohne Einbeziehung des Beobachters gibt? Ein Mensch mit einer bestimmten Einstellung wird auch genau diese immer wieder bestätigt finden. Die Kunst lebendiger Wissenschaft ist daher wohl eher die Gabe, anders zu denken, quer zu denken, unhinterfragte Annahmen und Paradigmen anzuzweifeln und Impulse aufzunehmen, die gerade nicht empirisch nachweisbar sind.

Erschaffen wir die Wirklichkeit?

Andererseits ist es fast schon unheimlich, dass sich gerade diese Impulse und Annahmen dann im Folgenden oftmals empirisch nachweisen lassen. In letzter Zeit begegnen mir immer wieder „Geschichten“ aus der Wissenschaft, die dies zeigen: egal ob in Physik, Biologie, Paläontologie oder was immer. Was war eigentlich zuerst? Die Wirklichkeit oder unser Gedanke über die Wirklichkeit?

Und die Sprache?

Wo diese Frage allerdings nicht anwendbar ist, ist Sprache: Denn nur durch Sprache kommt all das überhaupt in die Welt. Sprache ist das, was uns Menschen Bedeutung gibt und uns aus dem reinen Naturzusammenhang heraushebt. Zum Thema Sprache kann ich das Buch „Das Königreich der Sprache“ von Tom Wolfe empfehlen. Das Buch regt zum kritischen Nachdenken an und liest sich wie ein spannender Wissenschaftsroman. Die Frage, die für mich am Ende dann zusätzlich noch bleibt: Ist es die Sprache oder sind es unsere Gedanken, die uns vom Rest der Welt abheben? Kommen die Gedanken mit der Sprache in die Welt oder unsere Sprache, weil wir denken?