Sehnsucht nach Nestwärme und Mut

Gestern Abend war ich im Museum Mensch und Natur und lauschte dem wunderbaren Vortrag von Ernst Paul Dörfler zu seiner Buchvorstellung “Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können”. Das Buch habe ich mir selbstverständlich auch gleich mitgenommen und signieren lassen – denn wenn der Autor schon da ist, ist solch ein Buchexemplar doch etwas Besonderes. Lesen werde ich das Buch sicherlich bald. Ihr wisst, mein Lesevorrat ist immer groß!

Lebensgeschichten

Ernst Paul Dörfler erzählte zu Beginn des Vortrags, wie er aufgewachsen ist: Inmitten der Natur in einer Familie, die sich durch einen Hof selbst versorgte. Das ganze Jahr über wurde gearbeitet mit und für die Natur, mit einem genauen Plan im Kopf, was wann gepflanzt & geerntet und für die kalte Jahreszeit an Vorrat angelegt werden musste. Für ihn als Kind war alles, vom Versorgen der Tiere bis hin zum Schlachten, “so normal wie für heutige Kinder das Spielen auf dem Smartphone “ (Zitat). Und wie immer in solchen Situationen konnte ich innerlich wahrnehmen, wie in mir eine tiefe Traurigkeit aufsteigt und eine geradezu irrsinnige Sehnsucht nach Natur und einem anderen Leben als diesem, das ich lebe.

Innerer Kampf

Das Leben, das ich derzeit leben darf, weiß ich sehr zu schätzen und bin auch dankbar dafür. Mit diesem Lebenskonzept habe ich auch ein gewisses Ziel erreicht. Immerhin: ich arbeite Teilzeit, sehe auch im Winter noch Tageslicht (außerhalb der Arbeitszeiten) und bin seit einem Jahrzehnt befreit von der Plage, dass mir Sonntagabend und jeden Morgen unter der Woche schlecht ist, weil ich raus in die Fremde, in die Großstadtkälte und in einen sinnlosen Arbeitsalltag muss. Mein größter Wunsch im Leben war (und ist im Grunde immer noch), mit meinem Liebsten in einem Haus mit Garten zu wohnen und dort zu arbeiten und abends zufrieden, körperlich ausgepowert, ins Bett zu gehen. Aber warum lebe ich nicht so? Ist es das (nicht vorhandene) Geld? Sind es die Umstände? Ist es ein “sich selbst gar nicht wirklich kennen”? Ich habe ja für kurze Zeit schon ländlich gelebt und als ich wieder nach München zurückging (nach einer gescheiterten Ehe), dachte ich mir, ich halte es hier keine 4 Jahre aus – dieses Jahr werden es 20!!!

Wissenschaft mit Herz

Der Vortrag gestern hat mich auf eine unvorhergesehene Weise tief berührt. Das liegt daran, dass Ernst Paul Dörfler mit seinem Buch über das Verhalten der Vögel viel mehr vermittelt als wissenschaftliche Erkenntnisse. Allein das Lesen einzelner Passagen beim schnellen Blick ins Buch gestern zeigte mir, dass hier ein Mensch schreibt und spricht, der durch seine tiefe Verbundenheit mit der Natur Augen öffnen will: Augen öffnen für unsere wahnwitzige Entfernung aus dem Naturzusammenhang, die uns zum Verhängnis werden wird, wenn wir nicht von denen zu lernen bereit sind, die bereits vor uns seit Millionen von Jahren erfolgreich leben und lieben.

Wie geht es weiter?

Der gestrige Abend wirkt nach oder anders: Der gestrige Abend kommt mir vor wie ein weiterer Hinweis – oder Weckruf? -, dass das Leben dazu da ist, den Mut zu haben, nach seiner Façon “artgerecht” zu leben. Ernst Paul Dörfler, der in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, hatte den Mut, seine Anstellung als junger Familienvater zu kündigen und als freier Wissenschaftler und Autor in diesem Regime zu leben, obwohl er gar nicht wusste, wie das eigentlich gehen soll. Aber es ging. Weil er es wollte.
Wo ist mein Mut? Kann ich überhaupt noch in den Spiegel sehen, ohne mich für mein Sicherheitsdenken, meine Bequemlichkeit und all die Ängste, die mich beherrschen, zu verachten?