Schule fürs Leben?!

Im Sommer hatte ich Euch ja meine Leseliste vorgestellt. Davon habe ich schon einen Teil gelesen. Aber wie immer drängeln sich dann noch ein paar Bücher frech dazwischen. So das Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ von Richard David Precht. Ich muss schmunzeln, denn zur Zielgruppe dieses Buches gehöre ich nun so gar nicht: weder bin ich Lehrer, noch habe ich selbst Kinder, noch bin ich in der Bildungspolitik tätig. Aber dennoch interessiert mich dieses Buch brennend. Weil es uns alle angeht, weil es soviel mehr aufzeigt als nur das unzeitgemäße Schulsystem.

Ich war selbst einmal Schülerin

Ich war selbst einmal Schülerin und mochte die Schule nicht. Zwar hatte ich meistens gute Noten, aber ich sah wenig Sinn darin: in diesem Lernen auf die nächste Schulaufgabe, das ich immer auf den allerletzten Drücker tat. Ich bestritt die Schulzeit nach der Devise: ganz passable Noten für möglichst geringen Aufwand. Das gelang mir eigentlich immer. (Zum Glück gab´s damals noch kein G8, ich hatte noch keinen Terminkalender wie ein Manager und musste nicht ständig neue Partner meiner Eltern „verdauen“ – wie es soviele Kinder heutzutage zusätzlich zum stressigen Schulalltag müssen…)

Interesse machte es am schönsten

Aber es gab auch Fächer oder Themen, die interessierten mich wirklich und davon weiß ich auch heute noch so manchen Brocken, der mir im Gedächtnis blieb. Biologie fand ich oft interessant. Kunst mochte ich immer, das waren für mich die Stunden, in denen ich „atmen“ konnte und die Welt etwas bunter wurde.

Musik mochte ich auch gerne, gesungen habe ich gerne (außer Vorsingen für eine Note). Zwei Jahre lang hatten wir einen fantastischen Musiklehrer, der eigentlich kein Lehrer, sondern Künstler und Komponist mit Leib und Seele war. Sein Klavierspiel (am schwarzen Flügel) habe ich geliebt, das war mein wöchentliches Highlight! Er war Wolfgang Zoubek. Mit ihm haben wir lachend Sirtaki getanzt, mit Inbrunst den Erlkönig gesungen (er machte dabei immer die Fenster auf, damit uns die Beamten im Kultusministerium nebenan hören konnten) und er hatte immer Löcher in den Schuhen. Er gehört mit zu den schönsten Erinnerungen aus meiner Schulzeit.

Später in der Kollegstufe entdeckte ich aufgrund meiner „Verlegenheitswahl“ des Leistungskurses Deutsch meine Liebe zur Literatur/Philosophie. Dies verdanke ich auch einem ausgezeichneten Lehrer, der mehr vermittelte als platten Schulstoff. Auch er trug lebendige Leidenschaft für sein Fach in sich.

Ja, und einmal hatten wir einen tollen Physiklehrer und siehe da, ich hatte plötzlich gute Noten in Physik! In diesem Jahr ging es um Lichtbrechung und Farben! Wen wundert´s, dass da meine Aufmerksamkeit gleich stieg? Isaac Newton blieb mir deshalb immer ein Begriff.

Miese Mathe-Erinnerungen

Mathe, mein Grusel- und Minderwertigkeits-Fach! Mathestunden waren immer die schlimmsten. Im Gegensatz zum Kunstunterricht verengte sich mir innerlich alles und wenn ich an die Tafel musste und vorrechnen, dann war der ganze Tag gelaufen. Ich konnte mit den Ergebnissen ja nie was anfangen, wusste überhaupt nicht, was die Zahl bedeutet, die da rauskommt – ob nun 2,5 oder 3,7, wen interessiert´s?

In der Grundschule musste ich schon immer die Schmach über mich ergehen lassen, dass ich bei diesem pädagogisch absolut schwachsinnigen Kopfrechenspiel zu Beginn der Stunde (!) als letzte stand. Wer die Kettenrechnung richtig mitrechnete im Kopf, durfte sich setzen, wer nicht, der musste stehen bleiben. Und wer stand ganz am Ende? Ich.

Am Gymnasium setzte sich das Dilemma natürlich fort. Als ich in der 11. Klasse war, hatte ich dann auch noch einen Lehrer, der meiner Mathe-Aversion die Krone aufsetzte: er bevorzugte blonde Schülerinnen mit kurzem Rock, die beim Rechnen an der Tafel merkwürdigerweise immer besser abschnitten, selbst wenn das Ergebnis ebenso falsch war wie von brünetten Schülerinnen.  Obendrein konnten wir immer sehen, welche Unterwäsche er trägt, weil seine Unterhose immer ein Stück aus seiner Hose herauslugte… In der 11. Klasse ist man ungefähr 17. Mehr brauche ich dazu wohl nicht sagen, oder?

Mathe als Abiturfach

Da ich Kunst und Deutsch als Leistungskurs hatte, musste ich Mathe als drittes Prüfungsfach nehmen. In der 13. Klasse war ich soweit, dass ich absolut nichts mehr verstand. Als es dann aufs Abitur zuging, war ich das erste und einzige Mal in meinem Schülerleben ein „Revoluzzer“: ich vertraute auf meine Fähigkeiten in meinen Leistungskursen und erlaubte mir, für Mathe absolut nichts zu lernen. Wozu, wenn man sowieso nichts mehr versteht? Bei der Abiturprüfung zeichnete ich lediglich ein Koordinatensystem, löste zwei kleine Teilaufgaben, aß die Gummibärchen, die auf unseren Tischen lagen und verließ als erste den Prüfungsraum nach ca. 15 Minuten. Und ich war stolz auf mich! Endlich mal nicht brav und angepasst, sondern mit eigenem Kopf und einfach ich.

Alles in Prechts Buch und noch viel mehr…

Ich genieße die Lektüre dieses Buches sehr! Da sagt endlich mal jemand, wie überholt und schwachsinnig unser Schulsystem ist! Precht gibt zu Beginn einen Überblick über die Entstehung und Geschichte unseres Schulsystems, wie es dazu kam, dass alles so ist wie es ist. Aufgrund unserer heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Lernen/Gehirn als auch aufgrund der zukünftigen Berufsanforderungen in einer sich verändernden (Technik)Welt ist dieses Schulsystem aber längst überholt und schlichtweg unsinnig. Weder ist es kind- noch lerngerecht, den ganzen Tag bewegungslos auf einem Stuhl zu sitzen und im 45-Minuten-Takt die Fächer zu wechseln, nur um für jedes eine Note zu bekommen. Von einer Förderung individueller Fähig- und Fertigkeiten und einer Potentialentfaltung des einzelnen Menschen ganz zu schweigen…

Wege in eine neue Schulwelt

Aber Precht zeigt nicht nur auf, wo es hakt und nicht mehr zeitgemäß ist, er zeigt auch neue Perspektiven und gibt Beispiele für einen gelungenen Schulunterricht, der die Kinder und Jugendlichen erreicht, sie begeistern kann und so echtes Lernen und Verstehen möglich macht. Beim Lesen möchte man regelrecht verzweifeln, weshalb unsere Kinder sich in dem bestehenden Schulsystem plagen müssen, obwohl es auch anders, besser, leichter, erfolgreicher ginge. Beim Lesen fragt man sich ständig: Wieso um Himmels Willen ändern wir nicht, was geändert werden kann? Wieso ist der Mensch so dumm und nimmt sich selbst nicht wichtig in seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten?

Schöne Idee: Projektunterricht

Was ich eine wirklich hervorragende Idee finde, ist fächerübergreifender Projektunterricht, bei dem Schüler Wissen im Zusammenhang vermittelt bekommen. Dadurch wird nicht nur echtes Verstehen möglich, sondern auch Begeisterung für eigenes Weiterdenken kann geweckt und gefördert werden.

Mandala-Projekt

Meine Blogleserinnen und -leser können sicherlich vermuten, dass ich da sofort an ein „Mandala-Projekt“ denke. Da hüpft mein Herz und Ideen für so einen Projektunterricht hätte ich jede Menge! Was könnte man da nicht alles hineinpacken! Kultur- und Religionsgeschichte, Physik, Musik, Kunst, Design, Biologie, Symmetrie – also auch Mathematik! -, Philosophie, Literatur!

Ach ja, die Welt könnte so schön sein – und Schule auch…

Meine Buchempfehlung:

„Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“
von Richard David Precht