Pfingsten in Muße

Was mich momentan bewegt, ist die Wahrnehmung, dass ich durch die Reduzierung von Außeneindrücken wieder mit einer „Atmosphäre“ in Berührung komme, wie sie ca. 2004 bis 2008 in meinem Leben herrschte. Da war ich noch viel zurückgezogener als jetzt. Daran, dass ich in einer Band singen oder gar auf der Bühne stehen würde, war beispielsweise noch überhaupt nicht zu denken. Hätte mir das jemand prophezeit, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt und mich wieder in meine Lektüre vertieft. Insofern kann ich beileibe nicht behaupten, dass ich dieselbe bin wie z.B. vor 12 Jahren.

„In der Muße scheint das Glück zu liegen. Es gehört denen, die sich selber genügen.“
Aristoteles

Zeiten ohne Handy und Internet

Zu dieser Zeit hatte ich weder Handy noch Internet – man stelle sich das heute vor! Ungefähr im Jahr 2002 kam ich mit AOL das erste Mal durch den Computer meiner Schwester in Berührung, die vorübergehend ein paar Monate bei mir wohnte. Ich habe noch das Einwählgeräusch im Ohr und muss unweigerlich an den Film „Email für Dich“ mit Meg Ryan und Tom Hanks denken. Auch muss ich heute noch über meine Naivität schmunzeln, wenn ich daran denke, dass ein Cousin mir damals erzählte, er hätte seine Freundin im Chat kennegelernt, woraufhin ich fragte „Was, du hast sie im Flugzeug kennengelernt?“, weil ich „Chat“ noch nicht wirklich abgespeichert und „Jet“ verstanden hatte. Das ist wirklich wie ein Witz heutzutage…

Lesen und Mandalas

Obwohl ich zu Abiturzeiten durch meinen Deutsch-Leistungskurs viel und gerne las, verlor sich das dann in den Jahren von ca. 1994 bis 2000. Erst als ich wieder in München war, begann ich mehr zu lesen und ab 2004 vergrub ich mich regelrecht in Büchern. Als dann 2006 das erste Mandala entstand – das ich als solches noch gar nicht ansah -, merkte ich, dass diese Gebilde irgendwie in Verbindung stehen mit einer Art plötzlichen Einsicht, einem Erlebnis, das ich ca. 1995 das erste Mal hatte und nicht identifizieren konnte. Beim Lesen nahm ich wahr, dass gewisse Beschreibungen, die ich in allen möglichen Büchern fand – Dostojewski, Tolstoi, Thomas Mann, Huxley, C.G. Jung, Albert Hofmann etc. -, diese Erlebnisse resonanzartig zum Klingen brachten. Von da an war Lesen für mich eine Forschungs- und Entdeckungsreise rund um dieses Phänomen, das ich für mich aufzuklären suchte.

„Es gibt Erlebnisse, über die zu sprechen die meisten Menschen sich scheuen, weil sie nicht in die Alltagswirklichkeit passen und sich einer verstandesmäßigen Erklärung entziehen.“
Albert Hofmann

Niederschlag im künstlerischen Schaffen

Dass ich Mandalas als künstlerisches Sujet schaffe, liegt also nicht daran, dass ich auf einen modischen Trend aufgesprungen bin. Die Mandalastruktur hat sich von selbst in mein Leben geschlichen, ohne dass ich nach ihr verlangt hätte. Aber sie ist mit meiner philosophischen Suche und meiner Person eine Verbindung eingegangen, die mittlerweile auch sinnbildlich für mein Leben ist. So empfinde ich es. Zumal diese Struktur ja auch mit Klang und Musik in Verbindung steht (man denke z.B. an die Chladnischen Klangfiguren). Die Musik war zwar als Klavierspiel aktiv bis 1993 schon Teil meines Lebens, aber erst 2008 begann ich wieder zu spielen und entdeckte die Musik neu.

Auftauchen alter Erinnerungen

Dass ich jetzt gerade wieder soviel mehr Zeit habe, bewirkt, dass diese Erinnerungen an die Entstehung meiner „Mandalavision“ wie von Ferne heranwehen. Zwar zeichne und coloriere ich meine Mandalas im Kleinformat fast schon rituell, aber all das, was noch in ihnen steckt, war mir teilweise selbst schon nicht mehr so bewusst. Es gab Zeiten, da wollte ich eine Art Abhandlung über all diese Gedanken bzw. Verknüpfungen von Mandalastruktur und philosophischem Denken schreiben. Es ist nie was draus geworden. Momentan komme ich wieder etwas mehr rein in die Welt dieser Gedanken. Neulich hatte ich schon im Sinn, meine alten Aufzeichnungen rauszuholen und zu lesen, was ich mir da so zusammendachte. Wer weiß, vielleicht vertiefe ich mich demnächst in meine philosophische Vergangenheit vor 2008. Und vielleicht gibt es ja eines Tages zu meinem künstlerischen Werk auch ein philosophisches. Das Leben als Gesamtkunstwerk, das sich selbst zu erklären sucht. Das wäre genauso eine runde, vollständige Sache wie ein Mandala. Ein schöner Gedanke…