Nicht von dieser Welt…

Gestern habe ich Dorothee Sölles Buch „Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei“ ausgelesen und das Buch hat mich wieder sehr, sehr nachdenklich gemacht, in welcher unmenschlichen, geradezu idiotischen Welt, die von Profit- und Wirtschaftsdenken beherrscht ist, wir leider leben.

Fetzen von Informationen

Ich gebe zu, dass ich weder Zeitung lese noch den Fernseher einschalte, dass ich ein – was das aktuelle Weltgeschehen betrifft – uninformierter Mensch bin. Was ich selbst keineswegs mit „ungebildet“ gleichsetze, weil das für mich zwei unterschiedliche Dinge sind.
Aus diesem Grund kommen mir manche Informations-Fetzen nur durch andere Menschen in meinem Umfeld zu Ohren. Aber um ehrlich zu sein, alles, was ich da höre, weiß ich auch so: Ungerechtigkeit, Krieg, Gewalt, abartig hohe Gehälter versus Ausbeuter-Löhne, idiotische Fernsehsendungen en masse, Desinteresse unseren Mitgeschöpfen gegenüber, egal ob menschlich oder tierisch.

„Die Seele braucht das Staunen, das immer wieder erneute Freiwerden von Gewohnheiten, Sichtweisen, Überzeugungen, die sich wie Fettschichten, die unberührbar und unempfindlich machen, um uns lagern.“
Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand, S. 125, Piper, 2004

Es ist einfach nur traurig

Wenn ich mich nicht bewusst abgrenze, werde ich überflutet von Traurigkeit und Verzweiflung über diese Welt, die der Mensch sich selbst so macht. Und ich bin einer davon. Mich quälen immer wieder Fragen, wie es denn überhaupt möglich ist, sich auszunehmen aus diesem System?

Nicht von dieser Welt

Anscheinend bin ich aber in den Augen mancher Menschen sowieso nicht wirklich dazugehörig aufgrund meiner Lebensart und meiner Denkweise. Insofern empfinde ich den Ausspruch eines Bekannten „Du bist nicht von dieser Welt…“ eigentlich als Kompliment. Nur leider bin ich eben doch von dieser Welt, bin ein Teil und bin genauso mitverantwortlich für alles, was passiert oder nicht passiert.
Wenn man von mystischem Denken durchdrungen ist, kann man gar nicht anders fühlen. Da ist viel Traurigkeit, Schmerz und Verzweiflung inklusive, andererseits aber auch ein tiefes Wissen um All-Einheit und ein Gefühl des Aufgehobenseins im Ganzen.

„Das zu Ende gedachte Denken führt also irgendwo und irgendwie
zu einer lebendigen, für alle Menschen denknotwendigen Mystik“

Albert Schweitzer, Kultur und Ethik, S. 70, C.H.Beck, 1960

„Das Insekt war allein es selbst – und es war ganz ich.“
Andreas Weber, Lebendigkeit, S. 88, Kösel, 2014

Leben zwischen zwei Polen

Zwischen diesen beiden Polen – Weltschmerz und kreativer Freude – lebe ich. Ich gebe zu, bei mir ist eine große Tendenz zur Weltflucht gegeben, die ich in meinem kreativen Tun auch auslebe, weil ich mich dort dem Leben an sich nahe fühle. Und ja, ich bin dankbar, dass mir dies möglich ist. Auf diesem Weg bleibe ich, solange es geht…

Inspirierende Lektüre zu diesem Thema:

„Mystik und Widerstand. Du stilles Geschrei“ von Dorothee Sölle
„Kultur und Ethik“ von Albert Schweitzer
„Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie“ von Andreas Weber