Metamorphosen

Eines der schönsten Wörter fand ich schon immer Metamorphose. Nicht nur, dass dieses Wort einen unheimlich schönen Sound hat, sondern auch, was es insbesondere bei Insekten bezeichnet, ist wohl einer der faszinierendsten Vorgänge, die man sich denken kann. Eine aus dem Ei entstandene Larve verwandelt sich im geheimnisvollen Dunkel eines Kokons zur adulten Erscheinungsform eines Käfers oder Schmetterlings.

Geheimnisvolle Umgestaltung

Stellt Euch vor: Aus einem dicken, fleischigen Würmchen – von der Welt missachtet und unterschätzt – entpuppt sich eines Tages ein form- und funktionsvollendetes Insekt in den schönsten Farben und Strukturmustern. Verschlossen und versteckt in einem Gehäuse, das vorübergehend sicheren Halt und Schutz gibt, vollzieht sich unerklärlich die Verwandlung.

Aus eigener Kraft entfalten

Wenn es dann soweit ist, dass ein Schmetterling schlüpft, dann muss er mit eigener Kraft seine Flügel entfalten. Niemand kann ihm helfen. Es ist ein Prozess, den der Schmetterling alleine für sich – zart und schutzlos – durchlaufen muss, bis er voll entfaltet in ganzer Schönheit davonfliegen kann.

Schade, dass wir Menschen einfach nur altern

Ich denke mir: Schade, dass wir Menschen einfach nur altern und man uns nicht ansieht, welche Metamorphosen auch wir durchlaufen; vorausgesetzt wir nehmen die Anstrengung auf uns, uns zu verändern und zu entfalten. Denn wie beim Schmetterling kann uns letztendlich keiner dabei helfen und oft ist es von unserer Umgebung auch gar nicht gewünscht. Man denke z.B. an diejenigen Paare, bei denen einer sich im Laufe der Zeit verändert und der andere lieber weiterhin das unbewegliche Würmchen an seiner Seite hätte, das gar nicht davonfliegen kann. Doch welcher Schmetterling will schon jeden Abend mit einer Raupe auf der Couch vorm Fernseher sitzen?

Offen bleiben und mutig sein

Dass wir Menschen uns oftmals nicht in der Weise entwickeln, in der wir es könnten, mag daran liegen, dass wir gar nicht in Betracht ziehen, wir könnten wirklich die Gestalt verändern wie die Raupe zum Schmetterling. Es läuft ja auch irgendwie gegen unseren Verstand, eine solche unglaubliche Umgestaltung. Vielleicht müssten wir also manchmal unserem Denken und den Bildern im Kopf mehr Spielraum lassen und uns nicht selbst begrenzen? Die schönste Grabinschrift am Münchener Nordfriedhof auf einer großen Steinkugel lautet: “Was für die Raupe das Ende der Welt ist, ist für den Rest der Welt ein Schmetterling.” Ich glaube, wir sollten schon im Leben mehr darauf vertrauen, dass das Aufgeben unserer vermeintlichen Sicherheit(en) nicht gleichbedeutend ist mit dem Untergang. Wir sollten vielmehr darauf vertrauen, dass, wer Altes hinter sich lässt, Neues erst entdecken und weiter wachsen kann. Optimal ist es natürlich, wenn das auch zu zweit gelingt!