Mein Lebens-Dilemma

Letzte Woche habe ich begonnen, ein sehr gutes Buch zu lesen. Dieses Buch steht merkwürdigerweise schon seit ca. 10 Jahren in meinem Bücherregal. Obwohl es genau mein Thema ist, habe ich mich all die Jahre nicht an das Buch herangewagt. Es ist Dorothee Sölles „Mystik und Widerstand“.

Ich bin, was ich tue

Beim Lesen dieses Buches werde ich wieder schmerzlich mit meinem Dilemma konfrontiert: damit, eine Künstlerin zu sein, die sich in ihrem Tun außerhalb von Zweckrationalität und Nutzdenken bewegt, aber innerhalb einer Welt lebt, in der sie sich ihr Leben finanzieren muss. Mit meinem kreativen Schaffen will ich im Grunde kein Ziel erreichen, sondern ich bin einfach das, was ich tue.
Mit den Worten C. S. Lewis´: „I am what I do.“ (S. 88)

Darf man Schöpfung verkaufen?

Ich glaube, das größte Problem in meinem Leben ist die Sache mit dem Geld. Wie ich einst in Georg Parlows Buch „Zart besaitet“ erfuhr, haben viele Introvertierte das Problem, ihren Wert und somit auch den Wert ihrer Schöpfungen in Euro zu bemessen. Der soeben geschriebene Satz allein erfüllt mich mit einem gewissen Ekel. Es ist mir zuwider, meinen – überhaupt den Wert irgendeines Geschöpfes – oder den Wert meines kreativen Tuns in so etwas Weltlichem wie Geld zu bemessen. Nachdem für mich gilt „ich bin, was ich tue“, stehe ich in dem Dilemma, dass meine Schöpfungen im Grunde unbezahlbar sind, weil absolut einzigartig mit einer gewissen Würde. Andererseits bin ich eingebunden in ein System, in dem jeder Mensch Geld braucht und absurderweise auch nur noch wertvoll erscheint, was etwas kostet.

Nicht schöpferisch sein wäre Selbstauslöschung

Jetzt könnten, würden und haben auch schon viele gesagt: „Na, dann hör´ doch auf mit Mandalas und Musik, mit Deinem kreativen Tun, es ist ja eh zu nichts nutz.“ So einfach ist das aber nicht! Denn nachdem ich bin, was ich tue, würde das bedeuten, dass ich mich selbst auslösche, und zwar schon zu Lebzeiten (wie viele Menschen das tun, weil sie nur einem wirtschaftlichen Nutzdenken und keinem kreativen Lebensprinzip folgen, kann nicht mein Maßstab sein).

Mystisches Denken

In diesem Kontext habe ich mir folgende Passage in Dorothee Sölles Buch fett angestrichen: „Für Eckhart sind alle authentischen Taten solche, die die Ursprungstat der Schöpfung nachahmen, sie sprudeln hervor aus dem Leben und der Liebe. In diesem Sinn sind sie ohne Warum und Wozu. Die Schöpfung ist nicht in den kausalen und finalen Zusammenhang eingepreßt, dem wir uns in unserer Lebenswelt unterwerfen. Wozu sollte Gott Giraffen, wunderbare, von niemandem gesehene Steine und auch Wesen wie mich geschaffen haben?! Die mystische Schöpfungsspiritualität artikuliert ein prinzipiell anderes Verhältnis zur Welt, als es die Instrumentalisierung des Lebens uns diktiert.“
(S. 89, Mystik und Widerstand, Dorothee Sölle, Piper Verlag, 7. Auflage 2004)
Ich glaube, jeder wahrhaft schöpferische Mensch muss mit diesem Dilemma leben – es sei denn, er kommt aus reicher Familie oder hat Gönner, die ihm diese Unterwerfung ersparen.

Künstler retten DAS LEBEN im Leben

Der Gedanke, mit dem ich mich beim Verkauf meiner Mandala-Unikate am wohlsten fühle, ist dieser: Künstler retten das Leben im Leben einer immer mehr zweckrationalisierten, berechnenden Welt, die auf diese Weise ihrem Untergang entgegen geht. Und die dummerweise nur noch wertschätzt, was auch etwas kostet. Eine Welt, in der Leben durchaus auch zerstört wird, wenn ein paar Euro rausspringen. Welches Kind würde heutzutage zögern, einen Käfer plattzutreten, wenn ein 50-Euro-Schein winkt? Was werden sie als Erwachsene zu tun bereit sein, wenn Status, Besitz und Luxus winken?

Kreativer Widerstand

Ich glaube, was mich am Titel von Sölles Buch immer irgendwie gestört hat, ist das harte Wort „Widerstand“ in Verbindung mit meinem Heiligtum Mystik. Beim Schreiben dieses Textes wurde mir jetzt klar, weshalb ich nach so vielen Jahren bereit bin für dieses Buch: Mein kreatives Tun ist auch eine Art Widerstand gegen die technologisierte, berechnende, instrumentalisierte Welt, die den eigentlichen Wert des Lebens nicht mehr erkennt und nicht mehr schätzt.

Link zum Buch: „Mystik und Widerstand“ von Dorothee Sölle (in einer Neuauflage im Kreuz Verlag)