Liebeserklärung an ein Buch

Das kürzlich gelesene Buch hat mich zu einem besonderen Mandala mit Heuschrecke inspiriert. Andreas Webers Buch „Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie hat mich wieder genauso begeistert wie sein Buch „Alles fühlt“, das ich bereits zweimal las und im Blog auch schon vorstellte (siehe Blogpost vom 24.09.15).

Die Stelle im Buch, die mich dazu ermunterte, ist die Beschreibung eines Naturerlebnisses wie ich es auch kenne. Ich liebe diese Momente mit gerade den kleinsten Geschöpfen, die mich fühlen lassen, dass ich mit allem verbunden bin. Ich kenne zwar die argwöhnischen Blicke und die belustigten Bemerkungen meiner Begleiter, wenn ich vertieft bin in die Betrachtung eines Käfers und dabei die Zeit vergesse, weil ich für einen Moment im All-Ein-Sein mit der Natur versunken bin, aber wie Andreas Weber in seinem Buch zeigt, gibt es doch mehrere meiner Sorte. So schreibt er auf Seite 88: „Das Tier ließ mich innehalten wie vom Donner gerührt. Wie vom Glück durchbohrt. Während das Echo der versunkenen Sonne die Berge und Bäume streifte, spendete das Insekt eine Form von Licht, die sich mit den Händen fassen ließ und doch vollkommen ungreifbar war, konzentriert hier und zugleich überallhin verteilt. Vor mir und in mir. Das Insekt war allein es selbst – und es war ganz ich.“

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Ein Plädoyer für Lebendigkeit

Eine Zusammenfassung des Buches ist mir nicht möglich, weil es so unglaublich reichhaltig ist. Nur das kann ich sagen: Es ist ein Plädoyer für Lebendigkeit und ruft uns in Erinnerung, was wir Menschen leider vergessen haben in unserem Wahn, unser Leben abzusichern und uns dafür freiwillig einzumauern in ein abtötendes Technik- und Versicherungsleben. Abtötend im wahrsten Sinne des Wortes: Weil wir unsere eigene Lebendigkeit nicht mehr spüren, spüren wir auch die Lebendigkeit unserer Umgebung nicht mehr – und wenn wir sie spüren, verunsichert sie uns so sehr, dass wir sie bekämpfen anstatt uns dieser Lebendigkeit zu stellen und sie anzunehmen. Eine Lebendigkeit, die nur sein kann, eben weil sie so zerbrechlich ist und jeden Moment vergehen kann, um dem Ganzen, von dem sie Teil ist, in anderer Form wieder zur Verfügung zu stehen.

Leben ist jetzt

Wir Menschen sind diejenigen Lebewesen, die um diese Endlichkeit wissen. Wir haben aber nichts Dümmeres zu tun als unsere Zeit damit zu verbringen, der Endlichkeit davonzulaufen, obwohl sie uns heute oder morgen letztlich doch einholen wird. Anstatt das Leben auszuschöpfen und selbst schöpferisch zu sein, anstatt dieses Lebensgefühl in uns und überall um uns herum wahrzunehmen und durch uns fließen zu lassen, verschließen wir uns, indem wir nichts tun, ohne vorher eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen, unsere Lieblingsbeschäftigungen fürs Rentenalter aufsparen und unsere Kinder frühzeitig in ein System pressen, das jede Lebendigkeit unterdrückt, damit eine eingespielte, aber fragwürdige Gesellschaft funktioniert.

Ich gebe zu, das klingt jetzt sehr krass und sarkastisch. Aber wer sich auf Webers Buch einlässt und mit ihm zusammen durch ligurische Wiesen in sanfter Abendsonne streift, Glühwürmchen durchleuchtete Sommernächte auf sich wirken lässt, einen winterkalten Saunabesuch in Estland und sanftes, dunkles Teichwasser im Berliner Vorstadtwald auf der Haut spürt – der spürt, dass nur im erlebten und gefühlten Moment, in Verbindung und in Berührung mit allem Leben, das uns umgibt, dass nur darin ewiges Leben zu finden ist. Leben ist jetzt, immer, jeden Moment.

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