Ist die Welt für uns (gemacht)?

Bei all der Beschäftigung mit dem Christentum und jetzt mit Platon, also der Antike ca. 500 Jahre noch vor Erscheinen des “Heilands”, beseelt mich mehr und mehr eine eigenartige Stimmung. Der Mensch: das Wesen, das handelt und redet, als sei die Welt für ihn gemacht. Gerade denke ich mir: darin liegt eigentlich sowieso ein Widerspruch, denn wenn etwas für jemanden gemacht ist, dann muss es nach ihm entstanden sein. Ein Haus, das extra für mich gebaut wurde, stand nicht vor meiner Existenz schon.

Die Natur ist unser Gotteshaus

Wenn ich auch vieles Übernommene hinterfrage, so gibt es einen “Grundsatz” in unserer Familie, den ich nie angezweifelt habe und den ich auch meinen Kindern wieder weitergegeben hätte: Die Natur ist unser Gotteshaus. Was immer Gott oder das Eine sein oder nicht sein mag – in meiner Philosophie ist es alles und nichts zugleich -, so steht für mich fest, dass die Natur und alles Seiende Emanation das Einen ist. Insofern stimme ich weder mit Platon noch mit dem Christentum überein, wonach das Körperliche schlechter wäre als die Seele. Beides zusammen nur macht uns zu dem, was wir sind. Jedes für sich allein hat irgendwie etwas “Entartetes”.

All-eins mit der Natur & Gott

Das Malen in der Küche bei offenem Fenster, mit grünen Bäumen davor und Vogelgezwitscher, ist für mich die schönste Art, dem Einen – oder meinetwegen “Gott” – Ehre zu erweisen, dem, was in allem wirkt und durch alles, was ist, in Erscheinung tritt. So stimme ich Celsus zu, der in seiner Schrift Gegen die Christen um 178 n.Chr. bemerkt: “Für die Menschen, sagen sie, hat Gott Alles gemacht. Aber aus der Naturgeschichte und aus dem Scharfsinn, welchen die Thiere an den Tag legen, kann man zeigen, dass nicht in höherem Grade der Menschen als der unvernünftigen Thiere wegen Alles geworden ist.” “Also nicht für den Menschen ist Alles gemacht, wie auch nicht für den Löwen oder Adler oder Delphin, sondern damit diese Welt als Gottes Werk vollständig und vollkommen in allen Stücken werde.” (Matthes & Seitz Verlag, S. 118 u. 123)

Die Sache mit der Wiedergeburt

Interessant ist, dass Platon im Phaidon im Grunde mit der indischen Wiedergeburtslehre übereinstimmt. Insofern wäre die Welt auch für den Menschen gemacht, denn laut Platon wird der Mensch – sofern er nicht durch einen tadellosen Lebenswandel quasi zurückgeht in die Weltseele – als das Tier wiedergeboren, dessen “Sitten er sich selbst im Leben befleißigt” hatte; so wird ein der Völlerei, dem Übermut und der Trunksucht verfallener Mensch als Esel oder ähnliches Tier wiedergeboren (die Logik dahinter?). Männer, die ihr Leben nicht einwandfrei zugebracht haben oder Feiglinge waren, werden als Frauen wiedergeboren laut Platon. Man fragt sich nur, wieso es überhaupt noch Männer gibt auf dieser Welt? Alle, die seither immer noch da sind, sind also die Männer, die´s noch nicht ganz geschafft haben ins Nirvana – oder neu in die Lebens-Lotterie geworfene? Und was ist mit einer Frau, die tadellos gelebt hat? Ist ihr Hauptgewinn die Wiedergeburt als Mann? Oder ist sie von Haus aus zu ewiger Wiederkehr verdammt?
Also ehrlich gesagt halte ich von Platons Lehre diesbezüglich genauso wenig wie von der christlichen mit ewigem Höllenfeuer. Wenngleich ich lieber ein Esel wäre als im Feuer zu landen – eine Frau bin ich ja schon.

Wie sollen wir leben?

Natürlich bin ich nicht der Meinung, dass ich deshalb – weil ich nicht an Wiedergeburt in diesem Sinne glaube – leben kann wie ich mag. Ich weiß, dass alles mit allem zusammenhängt und alles, was wir tun, alles beeinflusst und verändert. Daher halte ich nichts von irgendwelchen zukünftigen Erlösungstheorien und -hoffnungen. WIR SELBST als Erscheinung des Einen tragen Verantwortung dafür, was wir aus dieser Welt machen. Wir gestalten unsere Zukunft in jedem Moment. Ich glaube, wir Menschen sind jetzt im 21. Jahrhundert soweit, bestimmte Überlieferungen wieder einmal Geschichte sein zu lassen – so wie das Christentum bzw. der Monotheismus den antiken Götterkult hinter sich ließ – und etwas Neues als Leitbild einzusetzen. Besser wäre es allerdings, wir würden es wieder selbstdenkend auf Augenhöhe im Dialog wie bei Platon aushandeln, als es uns von irgendeinem selbsternannten Guru predigen zu lassen.

Im Beitrag genannte Lektüre:

“Gegen die Christen”, Celsus, Matthes & Seitz Verlag
“Phaidon” (hier D IV. 29), Platon, Sämtliche Werke, Band 2, Rowohlt Taschenbuch Verlag