Für sich und zugleich gemeinsam auf den Weg machen

Mehrmals schon auf meinem Blog erwähnte ich Gerald Hüther, dessen Bücher und Vorträge ich unglaublich schätze, weil er mir aus dem Herzen spricht. So werde ich nicht müde, seine Bücher zu empfehlen. Hätte ich finanzielle Mittel in Hülle und Fülle, würde ich jedem, der mir sagt “die Welt ist halt so”, da könne man nichts machen, man müsse einfach unter den gegebenen Bedingungen mitmachen – jedem, der so oder ähnlich spricht und argumentiert, würde ich dann Gerald Hüthers Buch “Etwas mehr Hirn, bitte” schenken.

Die Lust am eigenen Denken

Dieses Buch habe ich gestern ausgelesen, war aber schon nach den ersten Seiten wieder begeistert. Ich gehöre zu den Menschen, die glücklicherweise die Lust am eigenen Denken nie verloren haben. Obwohl, das empfinde ich so, dieses eigene Denken, das Nicht-hinnehmen-wollen von vorgefundenen Strukturen und die Veränderungsarbeit im eigenen Leben zuweilen sehr anstrengend sind. Manchmal wünschte ich, ich hätte dieses “So ist es halt”-Gen. Damit, so stelle ich mir vor, ist es einfacher, einfach so vor sich hinzuleben (auf Seite 149 bemerkt Hüther, die meisten Menschen würden aussteigen bei der Erkenntnis, die eigene Person und hier vorzunehmende Veränderungen seien betroffen, denn: “Zumindest vorübergehend lässt sich so ein allzu starker Anstieg des Energieverbrauchs im eigenen Gehirn vermeiden.” Mein Gefühl scheint also nicht ganz falsch zu sein…).

Die Fesseln eingeübter Denkmuster

Sehr informativ und eindrücklich beschreibt Gerald Hüther, wie sich Denkmuster in einzelnen Menschen und somit auch über die Generationen hinweg entwickeln, festigen und uns dann in all unserem Denken und Handeln bestimmen. Sehr gut gefällt mir, dass auch er darauf aufmerksam macht, dass selbst wissenschaftlich geltende Annahmen in gewisser Hinsicht ebenfalls nur “Annahmen” sind und wir diese gerade dadurch immer wieder bestätigen, dass wir unter ihren Voraussetzungen denken und Forschung betreiben. Dasselbe gilt natürlich auch im zwischenmenschlichen Bereich. So kommt es, dass sich echte Weiterentwicklung – im Gegensatz zu Spezialisierung – nur ereignen kann gerade dann, wenn wir in unseren Grundannahmen irritiert werden, wenn unser Hirn etwas nicht einordnen kann oder keine erlernten Verhaltensweisen dafür parat hat. Dann wird es brenzlig, wir müssen diese neue Erfahrung, diese Irritation irgendwie integrieren.

Chance zur Veränderung

Immer dann also, wenn uns etwas irritiert, wenn wir mit unseren bisherigen Verhaltensweisen nicht weiter kommen, haben wir die Chance zur Veränderung und über uns hinauszuwachsen. Voraussetzung dafür ist, dass wir emotional betroffen sind, dass es uns “unter die Haut geht”, wie Hüther gerne sagt. Was das ist, ist von Mensch zu Mensch sehr individuell. In Phasen dieser Veränderungszeiten braucht unser Hirn zwar mehr Energie, aber gerade das hält unser Hirn, das ein Leben lang plastisch und somit ausbaufähig ist, in Schwung.

Begeisterung ist der Schlüssel

Dass uns also etwas emotional berührt, dass uns etwas begeistert, ist der Schlüssel zur Weiterentwicklung. Wie schade, dass unser derzeitiges “Denken” Begeisterung für mehr oder weniger nebensächlich hält. So wachsen die meisten Kinder bei uns so auf, dass die Eltern ihnen gar nicht früh genug eintrichtern können, wie wichtig es ist, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern; und zwar in Berufen, in denen dies möglich ist. Begeisterung hin oder her, Hauptsache das Kind verdient später viel Geld, hat “Erfolg” im gängigen Sinne, kann sich die Horrormieten noch leisten und die eigenen Kinder wieder genauso erziehen. Wie gut, dass ich dieses Widerstreben in mir habe, etwas nur aus Konvention, Erfolgsstreben oder des Geldes wegen zu tun, wenn es mich nicht in einer anderen Art erfüllt und inspiriert.

Begeisterung: Belohnung von innen

Ich denke mir, sich für etwas zu begeistern ist wie eine Belohnung von innen, die auch ein Stück weit unabhängig macht. Wie schön, dass ich mich für so vieles begeistern kann, sei es für die unendlichen Möglichkeiten an Mandalas, für bunt schillernde Käfer, für Stoffmuster mit meinem Design oder sei es für jeden “Freund im Geiste”, den ich bei meiner Lektüre immer wieder mal finde. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber leider nur zu gut, dass diese Begeisterung verschüttet ist, wenn Depression (oder Burnout) Einzug gehalten hat. Zugleich weiß ich daher auch, dass genau das auch der Weg heraus ist: wieder Zugang zur Begeisterung bekommen für Dinge und Tätigkeiten, die uns zutiefst berühren und motivieren.

Wenn aus einzelnen viele werden

Am Ende seines Buches stellt Gerald Hüther – angesichts der prekären Weltlage, in der wir uns befinden – die Frage, wie wir zukünftig zusammen leben sollten, damit wir diese Lage zum Guten wenden können? Der Punkt, der ihm abgesehen von Begeisterung sehr wichtig ist, ist, dass wir aufhören, uns und andere wie Objekte zu behandeln; z.B. um Ziele zu erreichen, mehr Geld zu verdienen, Bedürfnisse zu erfüllen. Um wirklich eine gemeinsame menschliche Ebene zu finden, uns gegenseitig zu stärken und unsere Potentiale – die in jedem einzelnen von uns stecken! – zu fördern, ist dringend geboten, dass wir uns als Subjekte begegnen: als Lebendiges unter Lebendigem, das leben, lachen und lieben möchte. Und, wie er immer wieder betont: Letztendlich können wir diese Veränderung nur gemeinsam schaffen. Aber so ähnlich wie in dem chinesischen Sprichwort, in dem ein Mann einen ganzen Berg abträgt, indem er beginnt, den ersten kleinen Stein wegzunehmen, ist eben auch jeder einzelne Mensch, dessen Denken und Verhalten sich ändert, ein Schritt hin zu einer lebenswerteren Welt. Wir sind jeden Tag Schöpfer dessen, was unser Leben fortan bestimmt. Machen wir uns auf den Weg…

Mein absolute Buchempfehlung:

“Etwas mehr Hirn, bitte”, Gerald Hüther

Informative Links zum Thema:

Würdekompass
Akademie für Potentialentfaltung

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