Frühlingspünktchen-Spielerei

„Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Satz, der in diesem Augenblicke vielleicht paradox erscheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten…“, sagte einst Friedrich Schiller in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen (Verlag tredition GmbH, S. 68).

Mandalavision170_5Spiel ist nicht gleich Spiel

Mit Spiel meinte Schiller nicht das, was wir heute oft unter Spiel verstehen, nämlich Spiele, deren Ziel es ist zu gewinnen; sei es nur auf dem Spielbrett oder beim Lotto und anderen Gewinnspielen. Unsere modernen Spiele – wie wir sie vor allem als Erwachsene definieren – haben nichts mit dem Spiel zu tun, das Friedrich Schiller meinte. Es ist das Spiel, das auch Gerald Hüther meint und heute – ca. 220 Jahre später – neurowissenschaftlich mit Friedrich Schiller übereinkommt, dass diesem freien Spiel große Bedeutung zukommt.

Unser Gehirn lernt ein Leben lang im Spiel

Wir leben in einer Gesellschaft, die wie im Wahn Wirtschaftswachstum und Gewinnsteigerung predigt und selbst unsere Kleinsten mit der Jagd nach guten Noten quält. Und das im Irrglauben, damit die Intelligenz unserer Nachkommen zu fördern. Das Gegenteil ist der Fall.

Mandalavision170_4Denn gerade im Spiel, im sich Ausprobieren ohne Zweck und Ziel entwickelt sich das menschliche Gehirn am effizientesten. Dass dies nicht nur auf Kinder zutrifft, sollte klar sein, wenn man heutige Erkenntnisse berücksichtigt, die zeigen, dass sich unser Gehirn ein Leben lang weiterentwickeln und umstrukturieren kann. Gerade im spielerischen Zustand ist der Mensch schöpferisch und damit auch ästhetisch, um die Verbindung zu Schiller wieder aufzunehmen: „Der Gegenstand des Spieltriebs, in einem allgemeinen Schema vorgestellt, wird also lebende Gestalt heißen können; ein Begriff, der allen ästhetischen Beschaffenheiten der Erscheinungen und, mit einem Worte, dem, was man in weitester Bedeutung Schönheit nennt, zur Bezeichnung dient.“ (S. 65)

Spiel, Ästhetik und Leere

Ich glaube, es gibt noch eine andere Parallele oder Verbindung zu Spiel und Ästhetik. Friedrich Schiller schreibt an anderer Stelle: „In dem ästhetischen Zustand ist der Mensch also Null […]“ (S. 93). Über diesen Satz habe ich mich beim Lesen von Schillers Briefen besonders gefreut, da er meine These „Im Nichts – oder der Null – ist alles und nichts enthalten“ bekräftigt. Das Nichts oder „die Null“ wird meines Erachtens gewaltig unterschätzt bzw. wir können diesen Zustand gar nicht hoch genug schätzen. Es ist klar, dass ich neulich in der Buchhandlung das Buch mit dem Titel „Denken wird überschätzt. Warum unser Gehirn die Leere liebt“ (Niels Birbaumer und Jörg Zittlau) unbedingt mitnehmen musste und auch sofort las.

Mandalavision170_6Wir alle lieben die Leere

Das Buch „Denken wird überschätzt“ ist ein hochinteressantes Buch. Eines dieser Bücher, die mich zum richtigen Zeitpunkt gefunden haben. Ein Sammelsurium an interessanten Forschungs-ergebnissen, die uns alle betreffen – ob wir nun wollen oder nicht. Dass sich mit diesem Buch auch der Kreis zur Musik wieder schließt und damit zu Gerald Hüthers Aussage, dass u.a. gemeinsames Musizieren und Singen sinnvollste Tätigkeiten für uns Menschen sind, stellt für mich die drei zuletzt gelesenen Bücher in einen großen Zusammenhang, dem wir uns gar nicht genug widmen können. Ein Resonanzkörper braucht die Leere, damit er gut klingen und sich auf seine Umwelt einstimmen und in Einklang mit ihr leben kann. Darüber sollten wir mal nachdenken, nicht darüber, wie wir unseren Terminkalender und den unserer Kinder noch effizienter „vollstopfen“ können…

Meine Buchempfehlungen zum heutigen Blogpost: