Die Mauer der Tradition

Bei meiner Beschäftigung mit dem Christentum wird mir immer mehr bewusst, wie schwierig es ist, sich gegen alt eingesessene Traditionen zu wenden bzw. sie überhaupt tiefgreifend zu hinterfragen oder gar auszusprechen, dass die Zeit für ein neues Denken (und Glauben) reif ist.

Die inneren Barrieren

Dabei gibt es zwei Aspekte und der erste ist das eigene Innere, die eigenen Muster und Denkannahmen, die ich bisher – trotz vorhandener Zweifel – letztendlich doch immer so stehen ließ. Ich bin mit dem Christentum aufgewachsen. Gespräche dahingehend wurden meist abgewendet; entweder weil mein Gegenüber das tatsächlich glaubte oder weil es so hingenommen wurde und unbequem war, sich damit auseinanderzusetzen. Der christliche Glaube, das gehörte einfach dazu, da gab es nichts zu hinterfragen. Die anderen, mit denen ich leider selten Gespräche führen konnte, die versuchten mir zu vermitteln, wie anders man all diese Texte der Bibel deuten könne; dass man es ja nicht tatsächlich und buchstäblich nehmen sollte, sondern alles durchdrungen sei von einem besonderen Geist; überall lauerten Metaphern und tiefgründige Aussagen. Bei diesen Gesprächspartnern traute ich mir meine grundlegende Skepsis nicht mehr zu vertreten, sie waren so viel schlauer und gebildeter als ich. Auch diese Barriere selbstbewusst zu überspringen, ist nicht einfach für mich – denn da lauert, christlich gut erzogen, immer gleich das Gefühl, ich würde mich unberechtigt über Autoritäten erheben.

Der eigene Kopf fängt an sich durchzusetzen

Es mag sein, dass man die Bibel flexibel deuten kann. Aber nach vielem Lesen und Nachsinnen scheint es mir doch eher, als versuchten Generationen auf Generationen etwas tiefgründig zu deuten, weil sie nicht in der Lage sind, davon loszulassen. So wie manche Menschen zeit ihres Lebens nicht in der Lage sind, vom Mythos der allwissenden, unfehlbaren Eltern loszulassen. Das Neue Testament ist ein Text wie das Alte auch, aufgezeichnet von Menschen. Diese Texte sind geschichtlich und auch philosophisch interessant und sagen viel über uns Menschen in unserem Kulturkreis aus: Wie wir uns die Welt erklärt haben vor dem Beginn naturwissenschaftlicher Erkenntnisse; wie damals schon Geld mit Reichtum & Armut überall präsent und von Bedeutung war; wie unser Verhältnis zu uns selbst, aber auch zur Umwelt, zu Tier und Land war. Darin aber ein von Gott höchst selbst gesandtes und angeordnetes Textmaterial zu sehen, das für alle Zeit Gültigkeit haben soll? Nun, das darf natürlich jeder für sich entscheiden.

Alles könnte auch anders sein

Immer klarer erkenne ich, wie tief durchdrungen unsere gesellschaftlichen Strukturen von diesen Texten sind. Auf diesen Texten beruht unser europäisches Weltbild und durch die Eroberungs-Seefahrten zu Beginn der Neuzeit haben wir dieses Weltbild auch anderen Kulturen aufgezwungen, die sich ohne uns ganz anders entwickelt hätten. Da kann ich nur lachen, wenn jemand so argumentiert, dass das Denken der Bibel menschlich sei oder irgendwie allgemeingültig. Dies sagen wir nur gerne aus unserer Sicht heraus. Das Christentum beherrscht selbst unser wissenschaftliches Denken enorm. Ich glaube, man kann sich gar nicht deutlich genug machen: Auch Wissenschaft beruht größtenteils auf allgemeingültigen Prämissen. Es gab Zeiten, da haben sich hoch angesehene Akademiker und hervorragende Denker, die heute noch in ihren nachdenkenswerten Aussagen zitiert werden, ernsthaft Gedanken gemacht, wo die Hölle geographisch zu verorten sei und ob die luftartigen bösen Dämonen in Körper und geschlossene Räume eindringen können. Heute lachen wir darüber. Worüber werden wir in 600 Jahren lachen?

Wenn Mauern fallen, wird die Sicht auf neues Land frei

Zur Zeit habe ich das Gefühl, mit Einreißen der inneren Barrieren und dem Mut, meinem eigenen Denken zu folgen, werden auch äußere Barrieren eingerissen und es eröffnet sich die Möglichkeit, aus eingefahrenen Denkstrukturen auszubrechen. Mir fällt ein, dass zuhause schon ein Buch von Daniel Everett steht, der 1977 als Missionar zu den Pirahã-Indianern kam und dann eines Besseren belehrt wurde, u.a. darüber, dass die in unserer akademischen Welt allgemeingültig postulierte Sprachtheorie eben nicht menschlich allgemeingültig ist. Ganz abgesehen davon, dass sein Buch über die sieben Jahre bei diesen Ureinwohnern den Titel “Das glücklichste Volk” trägt.

“Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann”*

Dieses schöne Zitat von *Francis Picabia fällt mir just in diesem Moment wieder ein. Ja, genau, da ist ja ein Hirn im Kopf! Bei diesem Stichwort fällt mir auch sogleich Gerald Hüther ein, dessen Bücher und Vorträge ich so schätze. Denn auch er plädiert für grundlegende Veränderungen in unserem Denken, wenn wir unseren “erfolgreichen” Kurs weiterfahren wollen. Auch er sagt, dass unsere bisherigen Strukturen uns nicht mehr weiterbringen werden. Seine These: Wir sollten lernen, uns als Subjekte zu begegnen und wahrzunehmen. Wir sollten lernen, auf uns selbst, unsere Mitmenschen und unsere Kinder in unserem Subjektsein einzugehen. Denn sobald wir uns und andere in irgendeiner Form zum Objekt machen, haben wir unsere Menschlichkeit und unser Potential schon verspielt. Und ich glaube, genau da wird uns auch die Tradition unseres Glaubens zum Verhängnis: Denn in der Bibel gibt es so gut wie keine gleichberechtigten Begegnungen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie die zwischen Gott und Mensch, beruhen immer auf einer objektivierenden Haltung, es geht immer um Gehorsam, Erwartungen und Verpflichtungen: Der Mensch diene Gott, die Frau diene ihrem Mann, das Kind gehorche den Eltern und der Sklave diene seinem Herrn. Ich weiß nicht, inwiefern man hier hochgeistig etwas umdeuten kann. Ich denke eher, diese Verhältnisse sind der Zeit geschuldet, in der sie entstanden sind. Doch diese Zeit ist vorbei.