Die große Frage

Für mich ist ein Mensch, der sich nicht wenigstens einmal die Frage gestellt hat – nämlich die Frage und Leibniz´ Frage: “Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?” -, eigentlich kein Mensch. Denn auch im 21. Jahrhundert, wo wir so aufgeklärt zu sein meinen, ist diese Frage immer noch die, die uns im Grunde unseres Daseins beschäftigt.

Negativ besetzt

Stellt man diese Frage “religiös” nach Gott, so ist sie nach meinem Empfinden negativ besetzt. Denn da ist dieses Denken impliziert, ein persönlicher Gott hätte die Welt erschaffen und nun sieht er zu, wie seine dümmliche Kreatur sich gegenseitig das Leben schwer macht, Atombomben konstruiert und ihren Heimatplaneten zerstört – obwohl es doch nach “seinem Willen” geschieht (dein Reich komme, dein Wille geschehe…).

Woher kommt alles, was ist, aber dann?

Ich persönlich glaube nicht an einen “persönlichen” Schöpfergott, sondern an ein kreatives Lebensprinzip. Vermutlich wurde ich deshalb bei Goethes Biographie und anderen Büchern immer hellhörig, wenn der Ausdruck “Spinozismus” fiel. Irgendwie schimmerte da immer etwas von dem durch, was auch mein Denken inspiriert: eine Substanz, von Spinoza “göttliche Natur” genannt. “Aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur muss unendlich Vieles auf unendlich viele Weisen folgen.” (Die Ethik, Spinoza, Kröner Verlag, S. 54) Spinoza kritisiert die Vorstellung eines Gottes, der um menschlicher Zwecke willen handelt.
Albert Einstein bekannte sich offen zu Spinozas Gott und beschrieb seine Erkenntnishaltung als eine Form der kosmischen Religiosität (Einleitung LII). Dieser Formulierung könnte ich mich anschließen und deshalb lese ich gerade selbst Spinozas Ethik….

Ein schwieriges Unterfangen

Aber ich gebe zu, es ist eine äußerst schwierige Lektüre! Es gibt Passagen, da meine ich, Gedanken nachvollziehen und fassen zu können, aber dann entgleiten sie mir im weiteren Text wieder. Mir fällt auch auf, dass es nicht einfach ist, sich immer den zeitlichen Kontext vor Augen zu halten. Spinoza vollendete dieses Werk 1675, wobei es erst nach seinem Tod anonym veröffentlicht wurde. Insofern sind die Einleitung zu Spinozas Werk hilfreich sowie auch ergänzend Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn von Friedrich Heinrich Jacobi (1785); was aber ebenfalls nicht gerade leicht zu lesen sind.

Zwei Lager

Ich denke, es wird immer zwei Lager geben: Die einen, die an einen persönlichen Schöpfergott glauben, und die anderen, die eher an ein ganzheitliches Lebensprinzip glauben. Beide Positionen werfen unendliche Fragen auf, mit denen sich die Menschen seit jeher befassen.

Es gibt keine Antwort

Die spannendsten Gespräche und auch die mit dem größten Diskussionspotential sind eben diese um die eine Frage, woher wir kommen und warum alles so ist, wie es ist? Ich denke, wir sollten uns unbedingt mit dieser Frage beschäftigen, weil sie dem Leben Würze gibt und uns offen hält für das Staunen über diese wirklich wunderbare Welt. Aber umso wichtiger ist es meines Erachtens auch, menschlich und ehrlich zu sein und zuzugeben: Wir können diese Frage nicht beantworten!

Es gibt nur einen Weg

Antworten auf diese Frage haben die Menschen immer in geschlossene Denksysteme und Urteile eingesperrt und sie entzweit. Das gemeinsame Fragen und Suchen dagegen – nämlich echte Gespräche – verbinden uns Menschen. Ich bin überzeugt: nur das kann der Weg sein.