Der rote Faden in meinem Leben

Was sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht – egal, was sonst gerade so passiert -, ist die Beschäftigung bzw. die Auseinandersetzung und das Nachdenken über den Kulturkreis, den religiösen Hintergrund, in den ich hineingeboren und aufgewachsen bin. Seit jeher, solange ich denken kann, sträube ich mich dagegen, als vorausgesetzt, quasi “gottgegeben” und unveränderlich anzunehmen, was mir als “so ist das halt” vermittelt wurde.

Montags ins kalte Leben und der gekreuzigte Christus

Es waren als Kind vor allem zwei quälende Fragen oder Gegebenheiten, die ich annehmen hätte sollen, es aber nicht tat. Bis heute nicht. Einmal war es der Umstand, dass ich eines Tages jeden Montagmorgen in die Schule gehen sollte (später dann die Arbeit; was beides ja teilweise an Sinnlosigkeit nicht zu überbieten ist). Und dann war es die Merkwürdigkeit des brutal gekreuzigten Christus, der in Wohn- und Schlafzimmern sowie öffentlichen Gebäuden und Kirchen hing. Wieso um alles in der Welt sollten das Dinge sein, die “halt so sind” und die nicht anders sein konnten oder sogar anders sein sollten? Menschlicher, wärmer, sinnvoller, zuversichtlicher, lebens- und liebenswerter?

Wieso zwängt sich der Mensch in solch ein Leben und diesen Glauben?

Ich glaube, ich war als Kind meinen Eltern sehr unangenehm und unbequem mit meiner Fragerei und meinem Widerwillen gegen die vorgefundenen Verhältnisse. Zumal kein Mensch gerne und freiwillig frühmorgens im Dunkeln aufsteht, um sich in eine gefühllose Legebatterie – so nenne ich gerne mal die üblichen Bürokomplexe – zu begeben und dort Akten und Zahlen zu wälzen, ohne einen Bezug zum eigenen Sein und Wohlbefinden; im Gegenteil, manch einer sogar noch dominiert von einem oder einer menschlich unterentwickelten Chef/in. Und das alles einfach nur “weil es halt so ist” und der Mensch Geld verdienen muss, damit er leben kann. Wenn ich es jetzt so schreibe, denke ich mir wieder: Was für ein Schwachsinn!

Die Kette des Denkens

Momentan lese ich wieder viel und querbeet zur Philosophie-/Kulturgeschichte. Immer deutlicher wird mir, dass sich all das, was wir (meist) als unhinterfragte Rahmenbedingungen hinnehmen, dass sich all das durch das Denken einzelner Menschen, die Einfluss hatten, etablieren konnte. Einzelne Menschen, die den Luxus hatten, sich dem Denken hinzugeben und für die arbeitende Masse zu definieren, was der Mensch ist und wie er zu sein hat. Dieses Denken entwickelte sich kontinuierlich, baute auf das jeweils schon Gedachte auf, transformierte und übernahm es oder verwarf Teile davon, um es durch neue Entwürfe zu ersetzen.

Das Buch der Bücher

Es ist für mich ein absolutes Faszinosum, dass die Bibel Dreh- und Angelpunkt unseres westlichen Kulturkreises ist. Eine Sammlung von Schriften zur Geschichte eines Volkes bestimmt selbst heute noch ganz maßgeblich das Denken vieler Menschen, vielleicht sogar der meisten. Dabei darf man nicht vergessen, dass die wenigsten sich selbst mit dem Bibeltext auseinandersetzen, sondern durchtränkt sind von den Deutungen der Kirche bzw. von dem, was durch Familie und Schule davon im Alltag als selbstverständlich vermittelt wird. Denker wie z.B. Augustinus haben mit ihrer Verurteilung der Sexualität mehr Unheil angerichtet als Gutes; er und Thomas von Aquin haben u.a. mit ihrer “Teufelsphilosophie” den ideologischen Nährboden für Hexenverfolgung, Inquisition und Folter bereitet. Mögen sie philosophisch auch noch so interessante Denker gewesen sein, so waren sie doch auch einfach nur Menschen; gequält und getrieben von eigenen Bedürfnissen und der Abwehr und Unterdrückung dieser.

Unsere Rahmenbedingungen sind hausgemacht

Unsere Rahmenbedingungen sind hausgemacht, das sollten wir uns vor Augen halten. Traurig ist, dass heute, wo so viele Menschen eigentlich den Luxus haben, sich dem Denken zu widmen, sie es dennoch nicht tun. Deshalb entwickeln wir uns kaum weiter, sondern fahren den Karren sehenden Auges an die Wand. Die großen Fragen des Lebens interessieren kaum jemanden, obwohl gerade sie es sind, die den Rahmen für alles andere definieren. Wer sich keine Gedanken darüber macht, wo, weshalb und wozu er – der Mensch – seinen Platz im Ganzen hat, wird auch keine neuen Horizonte und keinen Sinn darin sehen können. Vor allem keinen Sinn, der ihn wirklich angeht, der ihn bewegt und berührt. Er kann weiter mitmachen im Kampf um einen guten Verdienst, sozialen Status und die besten Chancen bei der Partnervermittlung. Mir war das immer schon zu wenig und das kann mir auch keiner verkaufen als erstrebenswert.

Schrulliger Einzelgänger

Insofern bin ich auch heute noch ein etwas schrulliger Einzelgänger, der auch ohne akademische Laufbahn bzw. Notwendigkeit spezielle Bücher liest/studiert und sich mit Fragen befasst, die andere nicht mal in Erwägung ziehen und lieber zum Shoppen gehen. Es ist nicht so, dass ich das nicht auch gerne tue; ich schaue auch gerne Blockbuster, esse Chips dazu und halte den mir selbst auferlegten Vegetarismus nicht länger als immer wieder mal zwei Jahre am Stück durch, weil meinen Körper dann das archaische Bedürfnis nach Fleisch überkommt. Aber ohne das Denken und die Beschäftigung mit den großen Fragen des Lebens bin ich nur ein halber Mensch. Der Sinn des Lebens erschließt sich mir nur, indem ich nach ihm suche.
Nichts ist für mich langweiliger als Menschen, die all ihr Tun und Denken damit begründen, dass “es halt so ist wie es ist, weil die Welt nun mal so ist”.