Ähnliches und Unbequemes

Würde ich gefragt, welche Person des 20. Jahrhunderts mich vorrangig interessiert, würde ich wahrscheinlich Carl Gustav Jung sagen. Neben vielen anderen natürlich, wie z.B. Physikern wie Wolfgang Pauli, der wiederum in Austausch mit C. G. Jung stand und sich ebenfalls von seinen Träumen inspirieren und leiten ließ – auch, was seine wissenschaftlichen Erkenntnisse anging.

Ähnlichkeit

Ich weiß, dass mir C. G. Jung schon sehr lange ein Begriff ist. Wann genau ich zum ersten Mal in meinem Leben von ihm hörte, daran erinnere ich mich nicht. Woran ich mich aber erinnere, ist, dass ich von der Ähnlichkeit meiner ca. 2005 intuitiv entstandenen Zeichnung mit Jungs Mandala „Fenster in die Ewigkeit“ ergriffen war und ab diesem Zeitpunkt mein besonderes Interesse an Jungs Denken erwachte.

Lesereise

Damals begann meine Lesereise rund um Jung. Unter anderem las ich die neulich schon erwähnte Biographie „C. G. Jung, der Mensch und seine Geschichte“ von Laurens van der Post, der Jung nach dem zweiten Weltkrieg kennenlernte und ihm bis zum Tod freundschaftlich verbunden blieb. Diese Biographie habe ich nun nach Jahren ein zweites Mal gelesen und bin wieder mal fasziniert, wie unendlich reicher ein Buch an Inhalt ist, wenn man es, selbst älter geworden, nochmal liest. Ein Faszinosum, denn der Text im Buch ist ja immer noch der gleiche und trotzdem eröffnen sich Welten, die man, selbst jünger und ärmer an Lebenserfahrung, offensichtlich nicht in dieser Weise aufnehmen konnte.

Abgelehnt, weil unbequem

Immer wieder fragte ich mich, weshalb C. G. Jung von vielen als mystizistischer Spinner und unwissenschaftlich abgelehnt wird? Und das, obwohl gut 100 Jahre fortgeschritten Jungs Erkenntnisse teilweise ins allgemeine psychologische Wissensgut eingegangen sind. Nach der erneuten Lektüre van der Posts Biographie ist mir aber mehr denn je klar: Jung ist unbequem. Seine Einsichten im Burghölzli – einer „Irrenanstalt“, so nannte man es damals – zeigten, dass die „Unnormalen, Gestörten“ nicht unabhängig von den sogenannten „Normalen“ betrachtet werden können. Nach jahrelanger Tätigkeit kam Jung sogar zur Erkenntnis, dass die Neurosen der „Normalen“ weit gefährlicher sind als die Komplexe der einzelnen, die sich in ihrer persönlichen Lebensgeschichte abhanden gekommen waren. Die beiden Weltkriege haben es bestätigt. Auch heute sind Jungs Einsichten um keinen Deut weniger aktuell.

Vor der eigenen Türe kehren

Jung hat wie wohl kein anderer Mensch deutlich gemacht, dass jede Veränderung mit der Arbeit an sich selbst beginnt. Und diese Arbeit ist unbequem und lästig, weil sie uns konfrontiert mit all den Eigenschaften, die wir an uns nicht mögen, und mit all den „Leichen im Keller“, die sich über Generationen der Familien- und Weltgeschichte angesammelt haben; die vor sich hin faulen und ihren Moder solange in die nächsten Generationen tragen bis endlich einer die Arbeit auf sich nimmt, sie aufzudecken, „anzunehmen“ und damit aufzulösen. Leichter ist es natürlich, mit dem Finger auf andere zu zeigen und sie verantwortlich zu machen, schuldig zu sprechen für alles, was schief läuft – sowohl im eigenen Leben als auch weltgeschichtlich.

In der Mitte des Lebens

Als ich las, dass sich Jung der Halbzeit seines Lebens näherte, als er dabei war, sich selbst zum dunkelsten Rätsel zu werden, war mir das irgendwie ein Trost. Dante sagte angeblich von sich, er würde sich „in der Mitte des Lebens in einem dunklen Wald“ befinden. Irgendwie tut es der Seele gut zu sehen, dass manche Erfahrungen offensichtlich universal sind oder man jedenfalls in bester Gesellschaft ist. Meine Wegbegleiter die nächste Zeit werden sicherlich die Texte von Jung sein, die ich in meiner kleinen Bibliothek zur Auswahl habe. Da werde ich noch viel Ähnliches und Unbequemes entdecken…