Im Zick-Zack-Kurs auf den Spuren “meiner” Religion

Wie im letzten Blogpost schon angeklungen, lese ich momentan viel zum kulturellen, d.h. auch religiösen Hintergrund, vor dem wir hier in Europa größtenteils aufgewachsen sind. Ich lese gerade “Der Teufel und seine Engel. Die neue Biographie” von Kurt Flasch. Wie ich auf dieses Buch gekommen bin, das ich mir zu Weihnachten wünschte – dabei muss ich jetzt schmunzeln -, weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber irgendwie macht es Sinn, denn der Besuch in Rothenburg ob der Tauber zu Beginn des Jahres wirkt rückwirkend wie ein Puzzlestück, das nicht fehlen darf.

Der alte Stachel des Nichteinsehens und Zweifelns

Vermutlich passt diese Lektüre – und damit meine Beschäftigung mit dem Christentum – zu meiner allgemeinen Tendenz derzeit, mich mit der Vergangenheit, die mich prägt, auseinanderzusetzen; familiär sowie generationsübergreifend. Den christlichen Glauben habe ich ja nicht freiwillig angenommen, sondern so wurde ich getauft und so gehörte es zu mir; aber doch auch nicht. Ich war als Kind schon ein Zweifler und die Logik des Christentums bzw. die Begründungen und Erklärungen dazu waren mir immer ein Rätsel. Zumal ich nie einsehen konnte, wieso eine angeblich segensreiche Religion soviel Leid immer wieder über die Menschen brachte.

Kirchen haben mich im leeren Zustand immer angezogen

Es ist eine Merkwürdigkeit in meinem Leben, dass ausgerechnet ich vom erlernten Beruf her Kirchenmalerin bin. Ein Großteil ist wohl darauf zurückzuführen, dass ich etwas Kreatives, Handwerkliches erlernen wollte. Einen Ausbildungsplatz zur Goldschmiedin fand ich damals nicht und Studieren war kein Thema in unserer Familie. Über Bekannte meiner Eltern erfuhr ich von diesem Beruf. Der musste es dann sein und ich bin auch heute noch froh, dass ich all die schönen Handwerkstechniken gelernt habe. Damals war ich auch eine begeisterte Kirchenbesucherin – allerdings ohne Gottesdienst in leeren Kirchen und vor allem kunsthistorisch betrachtet. Kirchen haben mich immer fasziniert und angezogen: diese Kraft und Energie, die in diesen Bauwerken und deren Ausschmückung steckt. Ich dachte mir immer, wie tief bewegt und motiviert all die Menschen gewesen sein mussten, die solche “Gotteshäuser” schufen. Nachdem ich dann vor ein paar Jahren das hervorragende Buch “Jesus, der Zenlehrer. Das Herz seiner Lehre” von Kenneth S. Leong gelesen hatte, war ich auf dem Weg, mich mit dem Christentum zu versöhnen. Er beginnt sein Buch mit dem Satz: “Mit sechzehn verließ ich Jesus, um das Tao zu suchen. Heute bin ich vierzig, und mir geht auf, dass ich das Tao in Jesus hätte finden können”. (S. 7)

Das Blatt wendet sich

Ich muss aber ehrlich gestehen, dass sich das Blatt gerade wieder wendet: Beim Quellenlesen von Bibelpassagen und Passagen aus Augustins “Über den Gottesstaat” sträuben sich mir die Haare. Es mag alles Auslegungssache sein und sicherlich war Jesus damals ein außergewöhnlicher Mensch, der wie andere Religionsstifter für sich Einsichten und Prämissen hatte, nach denen er lebte und womit er andere beeindruckte und inspirierte. Einsichten, die zeigten, dass es auch eine andere Art zu leben gibt als die vorgefundenen, teils überholten und ungerechten Strukturen. Und das ist zu jeder Zeit begrüßenswert: selbst denken, hinterfragen und für sich entscheiden, wie zu handeln sei.

Man kann nur annehmen oder verwerfen,
mit was man sich auseinandergesetzt hat

Während meiner Lektüre, die sicherlich noch eine Zeit lang anhalten wird, komme ich immer mehr zur Einsicht, dass ich das, was die Kirche vertritt, nicht vertreten kann. Sie mag sich gezwungenermaßen an den Zeitgeist angepasst haben, aber ihr Unterbau ist immer noch derselbe und der ist für einen selbst denkenden Menschen im 21. Jahrhundert schlichtweg nicht annehmbar. So geht es in der Bibel eigentlich schon in den Evangelien los mit Aussagen, hinter die ich mich keinesfalls stellen würde. Alles weitere, worauf sich dann die Kirche begründet hat – Paulus, Petrus etc. – hat mich beim Lesen geradezu schockiert.

Die Rosinen werden gerne rausgepickt,
der Rest fällt schon mal unter den Tisch

In der Schule und so allgemein werden meist nur die schönen Bibelstellen zitiert. Zum Beispiel davon, dass Petrus zwei Eheleute tot umfallen lässt, weil sie einen Teil ihres Vermögens zurückbehalten, sprich: Satan ihr Herz erfüllt hat, (Apostelgeschichte 5, Hananias und Saphira) hört man nichts. Klar, denn dann müsste fast unsere komplette christliche Gesellschaft tot umfallen…samt Vatikan…
Die Apostel allesamt verurteilen alle, die sich nicht zu Jesus Christus und der Kirche bekennen. Alle, die es nicht tun, mögen sie letztendlich auch noch so rechtschaffen und tugendreich leben, sind “Satanskinder”. Auf diese Aussagen baut Augustinus reichlich auf, sowie er überhaupt geradezu besessen scheint von Spekulationen über böse Dämonen, die sich der Menschen bemächtigen (psychologisch lässt das ohnehin tief blicken). Beim Reinlesen in seine Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat frage ich mich, wie es möglich ist, dass manche Menschen sich so in ihrem Glauben verirren und alle Menschlichkeit über Bord werfen. Natürlich muss man all das auch im geschichtlichen Kontext sehen, aber es gab immer auch Gegenstimmen oder jene, die in Teilen anders dachten, einer anderen Philosophie folgten und diese gut getarnt in kirchliches Gewand einkleideten. Sie hatten allerdings, nachdem sich die Kirche fest etabliert und ihre Macht ausgebaut hatte, nicht mehr viel zu sagen. Jedenfalls nicht offiziell, nicht für alle zugänglich. Und wenn doch, waren sie in Lebensgefahr.

Die Lesereise geht weiter, auf der Suche nach dem Einen

Meine Lesereise geht weiter und ich weiß jetzt schon, dass ich mich – angeregt durch das “christliche” Kapitel – im Anschluss dem antiken Denken widmen werde. Für mich ist nämlich vor allem eines interessant: Wo dockt meine Mandala-Philosophie an? Vermutlich bei Platon und Plotin und bei all jenen Denkern, die sich mit dem Einen als höchstes Prinzip befasst haben; bei all jenen, die in ihrer Philosophie keinen richtenden Gott und einen Gegenspieler wie den Teufel brauchen. Wenngleich ohne diesen bzw. das Böse philosophiegeschichtlich, literarisch und in der Kunst allgemein zweifelsohne ein interessantes und wichtiges Element fehlen würde, das uns Menschen leider auch definiert.

Bücher, die in diesem Blogpost genannt werden:

Die Bibel
“Der Teufel und seine Engel. Die neue Biographie” von Kurt Flasch
“Jesus – der Zenlehrer. Das Herz seiner Lehre” von Kenneth S. Leong
“Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat” von Augustinus (Online-Bibliothek der Kirchenväter)